Abschließen nicht vergessen: Thomas Hürlimanns Novelle „Fräulein Stark“ (2001)

thomas-huerlimann-fraeulein-stark-novelleVon barocker Fülle ist die Sprache in der 2001 erschienenen Novelle Fräulein Stark des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann. Die Sprache ist dem Inhalt der Novelle angemessen, spielt diese doch im „schönsten nicht-kirchlichen Barockraum der Schweiz“, wie es auf der Webseite des Stiftsbibliothek St. Gallen heißt. Denn, es handelt sich, wie die zahllosen Rezensionen nach Veröffentlichung der Novelle nicht zu betonen müde wurden, um einen Schlüsselroman. Dieses Unwort, das auch im Französischen (roman à clef), bemerkenswerterweise jedoch nicht im Englischen existiert, bezeichnet einen Roman, zu dem es einen Schlüssel gibt. Diese sind monofunktionale Werkzeuge: Sie schließen stets auf, nie zu, und das ist ein großes Pech. Denn wer den passenden Schlüssel für Hürlimanns Novelle gefunden hat – seine eigenen Erlebnisse als Junge im Stift unter seinem Onkel, dem Stiftsbibliothekar Johannes Duft (im Roman Jacobus Katz) – der kann diese Tür nicht mehr zuschließen. Und das ist angesichts der barocken Vielfalt der Novelle tragisch, die doch als wiederkehrendes Motto Nomina ante res ausgibt: Die Worte vor den Dingen. Einmal aufgeschlossen, schieben sich die (durchaus profanen) Dinge vor die Worte und vorbei ist es mit dem barocken Prachtgenuss.

Du sollst nicht Unkeuschheit treiben!

Unter dem eindrucksvoll bemalten Gewölbe der Stiftsbibliothek verbringt der Neffe (der „Nepos“) des Stiftsbibliothekars Jacobus Katz den Sommer, bevor er zu Herbstbeginn in eine Schweizer Klosterschule eintreten wird. Fräulein Stark ist also eine Sommernovelle, wie etwa Eichendorffs Marmorbild (1818) oder Tucholskys Schloss Gripsholm (1931) – und wie diese berichtet Hürlimanns Novelle vom ersten Erwachen der Leidenschaften. Mehr als das eindrucksvolle Deckengemälde mit seinen Darstellungen der ersten ökumenischen Konzilien von Nicäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalkedon, scheint die Diensttätigkeit des jungen Ich-Erzählers dem Erwachen erotischer Triebe förderlich zu sein: Er zieht den Besuchern und (insbesondere) Besucherinnen der Stiftsbibliothek zum Schutze des Holzfußbodens, der „aus Kirschbaum- und Tannenholz zusammengefügt, erhaben wie ein Schiffsdeck, wohlklingender als ein Geigenkasten […], also in Kürze: Eine heilige Bühne“ war, Filzpantoffeln über die Schuhe. In der Begegnung von Jungennase und Besucherinnenstrumpf erwacht nun die Leidenschaft.

Eine Bibliothek enthält viel Wissen, aber offensichtlich keines, das dem jungen Katz diese verwirrenden neuen Eindrücke erklären würde und so sieht er sich auf die einzigen beiden Menschen zurückgeworfen, die ihm die Natürlichkeit seiner Gefühle näherbringen könnten: seinen Onkel, den Stiftsbibliothekar und dessen Haushälterin, das im Titel der Novelle erwähnte Fräulein Stark. Ersterer ist vorgeblich sinnenfern und vergeistigt, letztere eiserne Hüterin über die Einhaltung des sechsten Gebotes: Du sollst nicht Unkeuschheit treiben! Der junge Erzähler muss also alleine das Geheimnis seiner erwachenden Libido lüften. Das tut er durch Spekulation, ein Wort, das, so erklärt ihm der Onkel wohlwollend, vom lateinischen speculari komme, was spähen, beobachten heiße und zudem verwandt sei mit dem Wort speculum, Spiegel. Einen solchen entwendet der Erzähler dem Fräulein Stark und verwendet es, zu ergründen, was unter den Röcken der von ihm zu pantoffelnden Damen versteckt sei. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als eine Besucherin ihn dabei erwischt, es Fräulein Stark mitteilt, und diese Maßnahmen ergreift, um ihm, wie es heißt, das „Kätzische“ auszutreiben. Die Katze lässt bekanntlich das Mausen nicht und ein Junge namens Katz habe es eben im Blut: „Ja, sagte das Fräulein, es liegt halt im Blut.“

Die Katze im Blut

Und so befragt er, wenn er schon nicht Onkel und Fräulein befragen kann, seine Familienchronik, um dem Kätzischen seiner Natur das Geheimnis zu entreißen. Er erfährt, wie der Urgroßvater Alexander „Sender“ Katz einst aus dem Osten in die Schweiz gekommen sei und dort nach einiger Zeit als künstlerischer Dessous-Hersteller das Zeitliche gesegnet habe; wie dessen Sohn Joseph sich daraufhin um die Familie kümmerte, indem er die reiche Witwe Zellweger heiratete; wie 1933 die Fabrik Katz-Zellweger zerstört worden sei, woraufhin der einstige Textilfabrikant Leiter einer Badeanstalt wurde, die er mit seiner Angestellten, Magdalena Stark – eben jenem Fräulein Stark -, während der Kriegsjahre leitete; und wie gegen Kriegsende ein junger Leutnant Josephs Tochter Theres am Würstchengrill kennenlernte, deren Sohn schließlich der Ich-Erzähler werden sollte. So interessant und zeitkritisch diese Chroniken auch seien mögen – für den realen Leser (uns) wie für den fiktiven (der junge Katz) gleichermaßen -, bei der rite de passage des Jungen erweisen sie sich als nutzlos und so wird er am Ende des Sommers feststellen, dass er „einiges gelernt, nicht alles begriffen, aber vieles aufgenommen“ habe.

"BibliothekSG" von Stiftsbibliothek St. Gallen <br /> Übertragen aus de.wikipedia nach Commons. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

„BibliothekSG“ von Stiftsbibliothek St. Gallen Übertragen aus de.wikipedia nach Commons. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Erfolgreiche Sexualaufklärung sieht sicherlich anders aus und so bleibt dem Jungen nichts Anderes übrig, als nächtens in die ihm von Fräulein Stark gestrickten Kniestrümpfe zu onanieren: „Keine Angst, dummer Bub. Die Socken sind gewaschen“, wird sie ihm später sagen, als er mit gepacktem Koffer auf seine Abreise in die Klosterschule wartet. Der Sommer ist vorbei, die Novelle ist es auch und am Bahnhof auf den Zug wartend spricht sich der Junge Mut zu: „Was sind schon acht Jahre, sagte ich mir. Die wirst du absitzen, wie du diesen Sommer abgesessen hast, und dann, alter Knabe, kann das Leben beginnen, pulcher et speciosus! Finis.“ Das Ende.

So hat sich die Bibliothek am Ende doch als fähig erwiesen, einem heranwachsenden jungen Mann das Leben ein Stück näherzubringen. Sicherlich weniger durch die beeindruckende Barockarchitektur; sicherlich nicht durch den Onkel, dessen Handschuhe, wie es im ersten Satz der Novelle heißt, „schwarz wie die Dessous meiner Mama“ waren; sicherlich nicht durch das angesammelte Wissen, das „von Aristoteles bis Zyste“ reichte; sondern eher durch die puritanische Einstellung des Fräuleins Stark, der Kämpferin gegen alles Unkeusche, die dennoch, ganz untypisch, schwarze und nicht blaue Strümpfe strickt. Ohne Menschen beherbergt selbst die größte Bibliothek nur Information und kein Wissen. Und manchmal, so deutet Hürlimanns sprachlich barocker Text an, hält ausgerechnet ein analphabetisches Fräulein zwischen all den Büchern den passenden Schlüssel bereit, um die wirklich entscheidenden Türen aufzusperren. Und diese führen seit jeher vorbei an der banalen Realität, hinein ins Mythische. Als Schlüsselnovelle, die keine ist, ist Hürlimanns Fräulein Stark ein beeindruckender Text über die Adoleszenz und ihre Mysterien. Nicht ausgeschlossen, dass ein adoleszenter Leser in ihm das Psychesiatreion findet, mit dem die Stiftsbibliothek als Motto überschrieben ist: Die Seelen-Apotheke.

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