Neues Geld und alter Adel: Henry James, Die Europäer (Neuübersetzung von Andrea Ott)

henry-james-die-europaeer-neuuebersetzung-2015„Nichts ist mein letztes Wort über irgendetwas – ich bin übersubtil und analytisch.“ So schreibt Henry James in einem Brief vom März 1879 angesichts seines Romans The Europeans (dt.: Die Europäer). Sein älterer Bruder, der Philosoph und Psychologe William James, empfand den Roman keineswegs als das Ergebnis übersubtiler Analysen, sondern verdammte ihn in Bausch und Bogen als „dünn und leer“ (thin and empty). Angesichts des 100. Todestages von Henry James ist der Roman in einer Neuübersetzung von Andrea Ott bei Manesse erschienen, so dass deutsche Leserinnen und Leser sich ein eigenes Bild davon machen können, ob er nun subtil oder dünn, ob analytisch oder leer ist. Weiterlesen

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Von Typen und Thesen: Mirna Funk, Winternähe (2015)

Mirna-Funk_Winternähe_2015Es scheint, als würden die Abstände zwischen aktuellen Ereignissen und deren ästhetischer Aufarbeitung immer geringer. Ob dieser Eindruck den historischen Tatsachen entspricht, müssen Literarhistoriker prüfen. Tatsache bleibt, dass Leserinnen und Leser in der Regel nicht lange auf die Fiktionalisierung einschneidender politischer Ereignisse warten müssen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verarbeitete der US-amerikanische Autor Jonathan Safran Foer nur vier Jahre später in seinem erfolgreichen Roman Extremely Loud and Incredibly Close (2005; dt. Extrem laut und unglaublich nah); die Präsidentschaft Barack Obamas ist noch nicht zu Ende, da erscheint das Biopic Southside With You, das Obamas Lebensgeschichte erzählt (2016) und der Gaza-Konflikt von 2014 (Operation Protective Edge) musste kein Jahr darauf warten, zentraler Dreh- und Angelpunkt einer Romanhandlung zu werden. Die Rede ist von Mirna Funks Debütroman Winternähe, der 2015 bei Fischer erschienen ist. Der Roman, der zu etwa gleichlangen Teilen in Berlin, Tel Aviv und in Bangkok spielt, erzählt die Sinnsuche der jungen Berlinerin Lola, Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen ost-deutschen Mutter. Da im orthodoxen Judentum die matrilineare Abstammungsreihe ausschlaggebend ist, sieht sich Lola damit konfrontiert, dass sie von unterschiedlichen Personen nicht als Jüdin anerkannt wird. Nach einem skandalösen Vorfall, mit dem der Roman beginnt – zwei ihrer Kollegen haben ein Bild von ihr mit einem Hitlerbart versehen, fotografiert und auf Facebook geteilt („defacing“ nennt das der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho) – kündigt Lola ihren Job, lebt von den Erträgen ihres Instagram-Accounts und reist schließlich nach Israel, wo sie 2014 im Sommer den Gaza-Konflikt hautnah miterlebt. Lolas Suche nach Sinn in diesem Krieg, nach ihrer eigenen Identität und der Wahrheit ihrer Lebensgeschichte verspricht einen komplexen Roman. Dass Winternähe dieses Versprechen nur selten einlöst, liegt insbesondere an der meinungsstarken Hauptfigur. Die Autorin wirft Lola eine Reihe von Charakteren in den Weg, an denen sich bestimmte Konflikte persönlicher oder politischer Art entzünden können – was bedauerlicherweise ihre Primärfunktion darstellt. Erzählerische Tiefe erhalten die Figuren des Romans auf diese Weise nicht. Vieles in Winternähe bleibt Annäherung. Weiterlesen

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Joseph Conrad, Nostromo (1904)

Joseph Conrad Nostromo PenguinKurz nach dem Zweiten Weltkrief veröffentlichte der große britische Literaturwissenschaftler und -kritiker F.R. Leavis einen schmalen Band mit dem unscheinbaren Titel The Great Tradition. Darin nahm er sich vor, sämtliche Prosaautoren der englischsprachigen Literaturgeschichte näher zu beleuchten, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Literatur gehabt hätten. Er kam immerhin auf viereinhalb Autoren: Jane Austen, George Eliot, Henry James und Joseph Conrad. Später fügte er noch einen halben Charles Dickens hinzu, dieser habe mit seinen Romanen keinen festen Platz in Leavis‘ Großer Tradition verdient, wobei der Cambridge-Professor eine Ausnahme zuließ: Hard Times sei Dickens‘ Meisterwerk und sichere ihm letztlich einen (wenn auch eingeschränkten) Platz im illustren Kreis der anderen vier großen Romanciers. Dass Leavis Virginia Woolf, James Joyce, Charlotte Brontë, Laurence Sterne, Henry Fielding, W.M. Thackeray, Daniel Defoe oder Thomas Hardy nicht in seinen Kanon mitaufnahm dürfte allein schon verwundern. Doch damit waren die Merkwürdigkeiten bei weitem noch nicht zu Ende. Die Auswahl der jeweiligen Romane, die er bei den vier(einhalb) Autorinnen und Autoren traf, sorgte damals wie heute für Verwunderung. So befand Leavis, dass es sich bei Conrads wohl bekanntestem Werk, Heart of Darkness, um ein Prosastück minderer Qualität handele, während Conrads wahrhaft großer Beitrag zur englischen Literatur zwei hierzulande eher unbekanntere Romane seien: The Secret Agent und Nostromo. Während ersterer bei Reclam, Manesse und Diogenes sowie seit 2015 auch als Hörbuch bei Der Audio Verlag erhältlich ist (gelesen von Jürgen Holtz), liegt Nostromo zwar in deutscher Übersetzung vor, wird aber derzeit nicht aufgelegt. Interessierte Leser müssen ihn also entweder antiquarisch erwerben oder eine der zahlreichen 99-Cent-Kindle-Ausgaben herunterladen, die auf Amazon kursieren. Und dieser Roman, der im deutschsprachigen Roman im Grunde völlig unbeachtet geblieben ist, soll also der große Beitrag Conrads zur Weltliteratur sein? Der Roman eines in England lebenden und auf Englisch schreibenden Polen, dessen Handlung in einer fiktiven (nach Kolumbien modellierten) südamerikanischen Republik spielt? Hier ein Blick auf Conrads Nostromo. Weiterlesen

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Umberto Eco, „Nullnummer“ (2015), oder: „Das Foucaultsche Pendel“ light

umberto-eco-nullnummer-2015Vor 28 Jahren erschien der Roman Das Foucaultsche Pendel des damals 56 Jahre alten italienischen Schriftstellers Umberto Eco. Darin spürten drei befreundete Verlagsmitarbeiter einer die Welt über Jahrhunderte umspannenden Mega-Verschwörung nach, wobei ihnen ihre Recherchen zusehends entgleiten. Der Roman setzt damit ein, dass der Ich-Erzähler Casaubon (zu seinem Namen siehe den Artikel über George Eliots Middlemarch) sich im Pariser Musée des Arts et Métiers vor Tempelrittern versteckt, die bereits seinen Freund Jacopo Belbo erwischt haben und nun ihm auf der Spur sind. Die eigentliche Romanhandlung des Foucaultschen Pendels, die sich über mehrere hundert Seiten erstreckt, wird von diesem festen Punkt im Museum aus – fixiert wie von einem Pendel Foucaults – in Rückblenden erzählt. So viel zum Jahr 1988. Wir schreiben das Jahr 2015. Ein neuer Roman Umberto Ecos erscheint. Er trägt den Titel Nullnummer und ist, anders als Das Foucaultsche Pendel, von schlankem Umfang. Der Roman beginnt damit, dass der Ich-Erzähler an einem Morgen feststellt, dass nachts jemand in seiner Wohnung gewesen sein muss, um etwas zu suchen. Diese Eindringlinge seien, so die Meinung des Erzählers, überzeugt „dass ich, sollte ich etwas über die Sache mit Braggadocio wissen, darüber irgendwo etwas geschrieben haben müsste.“ Er hat Todesangst und verschanzt sich darum in seiner Wohnung – und erinnert sich: „Die Angst zu sterben belebt die Erinnerung“, wie es im letzten Satz des ersten Kapitels heißt. Der folgende Roman erzählt dann in Rückblenden, wie der Ich-Erzähler Colonna ein Jahr lang ein Buch über die Arbeit an einer sogenannten Nullnummernserie schreiben soll, also einer Reihe von Zeitungsausgaben, die nicht veröffentlicht werden und nur den Verleger überzeugen sollen, dass er die Zeitung tatsächlich verlegt. Einer seiner Kollegen, besagter Braggadocia, kommt bei seinen Recherchen einer spektakulären Verschwörung auf die Schliche, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu schreibt, und die Mussolini und den Papst ebenso betrifft, wie die Regierungen von einem Dutzend Westmächte. Klingt bekannt? Ja, denn es ist eine Art Light-Version von Ecos zweitem Roman, Das Foucaultsche Pendel. Nur mit mehr Politik und weniger Mystik. Kurz: Der Verschwörungsinhalt hat gewechselt, der narrative Rahmen ist geblieben. Postmodernes Selbstzitat oder Einfalllosigkeit? Weiterlesen

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„Ich singe, was ich seh'“: Jochen Distelmeyers Debütroman „Otis“ (2015)

jochen-distelmeyer-otisJochen Distelmeyer. Blumfeld. Sänger. Pop-Kultur. Diskurspop. Debütroman. Hamburger Schule. Mit diesen und ähnlichen Begriffen sowie unter Zuhilfenahme von diversen Rezensionen zu Otis ließe sich ohne Mühe ein Bingo-Spiel erstellen: Wann immer die gelesene Kritik einen dieser Begriffe nennt, kreuzt man sie auf seinem Bingo-Kärtchen ab. Wer zuerst fünf in einer Reihe hat, darf „Bingo!“ rufen und sich seinen Preis abholen. Um welche der zahlreichen Kritiken es sich dabei handelt, spielt keine Rolle, ob Welt (Frédéric Schwilden, 26.1.15), ZEIT (Diedrich Diederichsen, 12.2.15), Spiegel (Tobias Rapp, 24.1.15), Berliner Morgenpost (Julia Friese, 29.1.15), Tagesspiegel (Gerrit Bartels, 30.1.15), Rheinische Post (Philipp Holstein, 30.1.15), SZ (Johan Schloemann, 30.1.15), Die Tageszeitung (Elise Graton, 31.1.2015), FAZ (Jan Wiele, 31.1.15) oder RBB (Tim Evers, 29.1.15). Natürlich ist die Erwartung immer groß, wenn jemand sein Fach wechselt. Sei es der ehemalige Nationaltorhüter Tim Wiese, der Wrestler wurde (oder wird, so genau weiß das keiner), sei es Arnold Schwarzenegger, der zum Politiker wurde, sei es Clint Eastwood, der vom Schauspieler zum Regisseur wurde oder sei es der legendäre Eddie the Eagle, der es, um bei Olympia teilnehmen zu dürfen, in verschiedenen Disziplinen versuchte, darunter Judo, Pferdereiten und Volleyball, bevor er schließlich als schlechtester Skispringer aller Zeiten Geschichte schrieb. Fachwechsler faszinieren, weil sie der zeittypischen Vorstellung vom gedrillten Fachidioten, dem One Trick Pony, widersprechen. Sie versprechen uns nicht nur, dass wir alles werden können, sondern auch, dass wir das mehrfach können. Und wenn dem Fachmann der Fachwechsel misslingt – Tim Wiese war und ist ebenso wenig ein guter Wrestler, wie Schwarzenegger ein guter Politiker, Eastwood ein guter Regisseur oder Eddie ein guter Skispringer – dann fühlen wir, die wir in keinem einzigen Fach reüssieren, uns immerhin nicht mehr ganz so schlecht. Nun schreibt Jochen Distelmeyer, einer der bekanntesten deutschen Liedermacher und ehemaliger Sänger der Hamburger Band Blumfeld, die bekannt für ihren Diskurspop war, einen Roman („Bingo!“). Kann er das? Und alle Rezensenten sind am Ende ein wenig erleichtert: Nein, kann er nicht. Zumindest nicht so gut wie Songs schreiben. Weiterlesen

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Abschließen nicht vergessen: Thomas Hürlimanns Novelle „Fräulein Stark“ (2001)

thomas-huerlimann-fraeulein-stark-novelleVon barocker Fülle ist die Sprache in der 2001 erschienenen Novelle Fräulein Stark des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann. Die Sprache ist dem Inhalt der Novelle angemessen, spielt diese doch im „schönsten nicht-kirchlichen Barockraum der Schweiz“, wie es auf der Webseite des Stiftsbibliothek St. Gallen heißt. Denn, es handelt sich, wie die zahllosen Rezensionen nach Veröffentlichung der Novelle nicht zu betonen müde wurden, um einen Schlüsselroman. Dieses Unwort, das auch im Französischen (roman à clef), bemerkenswerterweise jedoch nicht im Englischen existiert, bezeichnet einen Roman, zu dem es einen Schlüssel gibt. Diese sind monofunktionale Werkzeuge: Sie schließen stets auf, nie zu, und das ist ein großes Pech. Denn wer den passenden Schlüssel für Hürlimanns Novelle gefunden hat – seine eigenen Erlebnisse als Junge im Stift unter seinem Onkel, dem Stiftsbibliothekar Johannes Duft (im Roman Jacobus Katz) – der kann diese Tür nicht mehr zuschließen. Und das ist angesichts der barocken Vielfalt der Novelle tragisch, die doch als wiederkehrendes Motto Nomina ante res ausgibt: Die Worte vor den Dingen. Einmal aufgeschlossen, schieben sich die (durchaus profanen) Dinge vor die Worte und vorbei ist es mit dem barocken Prachtgenuss. Weiterlesen

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Auf der Suche nach Sinn: Tom McCarthys Roman SATIN ISLAND (2015)

Tom McCarthy: Satin Island (Cover)„Me? Call me U.“ Wenn Literaturwissenschaftler Romane schreiben, darf man in der Regel einen großen Anspielungsreichtum erwarten, unzählige Zitate, so wie die Selbstbezeichnung des Ich-Erzählers in Tom McCarthys neuem Roman, Satin Island, der es vorige Woche auf die Longlist des Man Booker Preises 2015 schaffte. „Call me U“ erinnert natürlich an Herman Melvilles Moby Dick, dessen Erzähler sich dem Leser mit den Worten „Call me Ishmael“ vorstellt. Die Referenz in McCarthys Roman ist mehr als bloße Spielerei, sie signalisiert die Unzuverlässigkeit des Erzählens und so ist der Leser von Satin Island gleich zu Beginn gewarnt, dass das Folgende mit einer gehörigen Portion Skepsis zu lesen ist. Was aber ist es, was wir dort lesen? Eine Sinnsuche. Eine Sinnsuche von U., die gleichzeitig zur Sinnsuche des Lesenden wird. Weiterlesen

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Gerhart Hauptmann, Einsame Menschen (1891)

gerhart-hauptmann-einsamen-menschen-ullstein-coverGerhart Hauptmann war ein Vielschreiber. Daher verwundert es nicht, dass es eine Vielzahl literarischer Werke Hauptmanns gibt, die nur einem kleinen Publikum bekannt sind. Denn ist von Gerhart Hauptmann die Rede, denken die meisten sofort an Die Weber, an Bahnwärter Thiel, an Vor Sonnenaufgang oder an Die Ratten. Vielleicht auch an Hauptmanns Filmschaffen, an die Verfilmung seines Romans Atlantis (verfügbar auf YouTube), an seine Mitarbeit bei Murnaus Faust (YouTube), an Murnaus Film Phantom, der mit einer langen Einstellung beginnt, in der Hauptmann selbst über Feldwege schreitet (YouTube). Dabei ist die relative Unbekanntheit eines Großteils von Hauptmanns Werken weniger deren geringerer ästhetischer Qualität geschuldet. Vielmehr haben sich die Verlage nicht gerade vorbildhaft um den Literaturnobelpreisträger bemüht. Abgesehen von einigen günstigen Ausgaben der o.g. Texte für den Schulgebrauch, werden die Werke Hauptmanns nicht mehr verlegt. Wer sie lesen möchte, muss versuchen, antiquarisch an die vergriffenen Exemplare zu gelangen, auf eine gut sortierte Bibliothek vertrauen, oder hoffen, dass eine der nahegelegenen Bühnen ein selteneres Hauptmann-Stück auf den Spielplan setzt. Das frühe Drama Einsame Menschen ist eines dieser unbekannteren Hauptmann-Stücke, wenngleich es in den letzten Jahren durch diverse Inszenierungen an großen und kleinen Bühnen (Stuttgart, Düsseldorf, Berlin, Tübingen; vor kurzem: Bochum; in Kürze: Köln) eine kleine Renaissance erlebt hat. Weiterlesen

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Michel Houellebecq, Unterwerfung: Was hat der Roman mit dem Islam zu tun?

michel-houellebecq-unterwerfung-2015In direkter Bezugnahme auf die Anschläge in Paris, titelte die deutsche Wochenzeitschrift FOCUS in dieser Woche: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“ FOCUS-Redakteur Alexander Wendt erklärte, dass die Redaktion damit die Zusammenhänge von „islamistischem Terror“ und Islam mit „einem großen Fragezeichen“ versehen wolle. Wendt übersah anscheinend vollkommen, dass die Titelseite des FOCUS kein Fragezeichen sondern ein Ausrufezeichen setzte – und zwar in trotziger Selbstbehauptung hinter das Wort „Doch“. Mit Michel Houellebecqs neuem Roman, Unterwerfung, verhält es sich ähnlich. Er wird seit zwei Wochen sehr intensiv und vor allem kontrovers in den deutschen und internationalen Feuilletons diskutiert. Und immer wieder stellt sich die Frage, ob Unterwerfung etwas mit dem Islam zu tun habe oder nicht. Vordergründig scheint genau das der Fall zu sein, schildert der Roman doch ein Frankreich im Jahr 2022, in dem der Anführer einer „muslimischen Bruderschaft“, wie es dort heißt, zum Präsidenten der Republik gewählt wird, die er daraufhin rasch in einen islamischen Staat umbaut. Wie sollte, bei diesem Sujet, Houellebecqs neuestes Werk nichts mit dem Islam zu tun haben? Die Antwort ist einfach: Der Islam ist bei Houellebecq nicht wesentlich mehr als ein Platzhalter für eine antikapitalistische und antiliberalistische Gesellschaftsordnung. Und wer Houellebecqs Romanwerk seit Ausweitung der Kampfzone (1994) kennt, weiß, dass das eine soziale Organisationsform ist, die der Autor unbedingt begrüßt. Die Frage, die der Roman aufwirft lautet daher weniger, ob der Islam gut oder böse sei. Vielmehr fragt Unterwerfung, ob die Aufgabe von Freiheit und Selbstbestimmung nicht immer noch ein günstiger Preis für eine Befreiung vom Kapitalismus sei, mit anderen Worten: ob eine Unterwerfung unter eine beliebige Macht (wie beispielsweise einen islamisch geprägten Staat) nicht einen ernstzunehmenden Lösungsansatz für die Probleme der sogenannten „westlichen Welt“ darstelle. So betrachtet, hat Houellebecqs neuester Roman nur oberflächlich mit dem Islam zu tun. Weiterlesen

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Hans Scherfig, Der versäumte Frühling [Det forsømte forår] (1940)

det-forsommte-foraar-hans-scherfigDer dänische Satiriker Hans Scherfig ist hierzulande nicht besonders bekannt, während viele seiner Romane in Dänemark zur Schullektüre zählen. Die deutschen Übersetzungen von Scherfigs Texten sind größtenteils vergriffen und nur noch antiquarisch zu beziehen, der Verlag, der einige Titel Scherfigs veröffentlicht hatte, führt sie nicht mehr im Programm (Grafit Verlag). Das mag unterschiedliche Gründe haben. Zum einen wird skandinavische Literatur in Deutschland ohnehin kaum rezipiert (von der Flut skandinavischer Thriller- und Kriminalromane einmal abgesehen). Selbst große dänische Autoren und Nobelpreisträger wie Johannes Vilhelm Jensen, Henrik Pontoppidan oder Jens Peter Jacobsen werden in Deutschland nur selten beachtet oder fristen allenfalls ein Dasein als Fußnote in Büchern über heimische Dichter, wie etwa Rilke, der von Jacobsen sehr stark beeinflusst war. Ferner lassen die Romane Scherfigs seine sozialistischen Überzeugungen erkennen, was seiner Rezeption in der Bundesrepublik nicht unbedingt zuträglich gewesen ist. Dass sie jedoch nur ein marginales, auf Dänemark beschränktes Leseinteresse wecken könnten, ist hingegen von der Hand zu weisen: Es gibt in Scherfigs Romanen wenig, das „rein skandinavisch“ wäre und folglich nur skandinavische Leser interessieren dürfte. Insbesondere sein Roman Der versäumte Frühling ist eine düster-heitere Satire auf das Schulsystem und wie dieses jährlich in den Prüfungsmonaten die Schülerinnen und Schüler das Frühjahr kostet (welches sie ausschließlich mit Lernen und Prüfungsvorbereitung zubringen): Der versäumte Frühling des Romantitels. Wenngleich die schwarze Pädagogik, die der Roman schildert heute größtenteils durch pädagogisch wertvollere Konzepte ersetzt wurde, zeigt gerade die Schuljahrverknappung von 13 auf 12 Jahre in Deutschland, dass der Leistungsdruck, der auf den jungen Menschen lastet, keineswegs ab-, sondern eher zugenommen haben dürfte. Es dürfte auch heute noch so manchen Abiturienten ein Frühjahr des Lebens kosten… aber solche Parallelen wirken forciert. Das wirklich lesenswerte an Scherfigs Roman ist auch weniger seine irgendwie modern anmutende Aussage, als vielmehr der beißende Ton, mit dem diese transportiert wird. Sein anspruchsvoller und eleganter Spott und Hohn sind es, was diesen Roman so lesenswert macht.

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