Umberto Eco, „Nullnummer“ (2015), oder: „Das Foucaultsche Pendel“ light

umberto-eco-nullnummer-2015Vor 28 Jahren erschien der Roman Das Foucaultsche Pendel des damals 56 Jahre alten italienischen Schriftstellers Umberto Eco. Darin spürten drei befreundete Verlagsmitarbeiter einer die Welt über Jahrhunderte umspannenden Mega-Verschwörung nach, wobei ihnen ihre Recherchen zusehends entgleiten. Der Roman setzt damit ein, dass der Ich-Erzähler Casaubon (zu seinem Namen siehe den Artikel über George Eliots Middlemarch) sich im Pariser Musée des Arts et Métiers vor Tempelrittern versteckt, die bereits seinen Freund Jacopo Belbo erwischt haben und nun ihm auf der Spur sind. Die eigentliche Romanhandlung des Foucaultschen Pendels, die sich über mehrere hundert Seiten erstreckt, wird von diesem festen Punkt im Museum aus – fixiert wie von einem Pendel Foucaults – in Rückblenden erzählt. So viel zum Jahr 1988. Wir schreiben das Jahr 2015. Ein neuer Roman Umberto Ecos erscheint. Er trägt den Titel Nullnummer und ist, anders als Das Foucaultsche Pendel, von schlankem Umfang. Der Roman beginnt damit, dass der Ich-Erzähler an einem Morgen feststellt, dass nachts jemand in seiner Wohnung gewesen sein muss, um etwas zu suchen. Diese Eindringlinge seien, so die Meinung des Erzählers, überzeugt „dass ich, sollte ich etwas über die Sache mit Braggadocio wissen, darüber irgendwo etwas geschrieben haben müsste.“ Er hat Todesangst und verschanzt sich darum in seiner Wohnung – und erinnert sich: „Die Angst zu sterben belebt die Erinnerung“, wie es im letzten Satz des ersten Kapitels heißt. Der folgende Roman erzählt dann in Rückblenden, wie der Ich-Erzähler Colonna ein Jahr lang ein Buch über die Arbeit an einer sogenannten Nullnummernserie schreiben soll, also einer Reihe von Zeitungsausgaben, die nicht veröffentlicht werden und nur den Verleger überzeugen sollen, dass er die Zeitung tatsächlich verlegt. Einer seiner Kollegen, besagter Braggadocia, kommt bei seinen Recherchen einer spektakulären Verschwörung auf die Schliche, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu schreibt, und die Mussolini und den Papst ebenso betrifft, wie die Regierungen von einem Dutzend Westmächte. Klingt bekannt? Ja, denn es ist eine Art Light-Version von Ecos zweitem Roman, Das Foucaultsche Pendel. Nur mit mehr Politik und weniger Mystik. Kurz: Der Verschwörungsinhalt hat gewechselt, der narrative Rahmen ist geblieben. Postmodernes Selbstzitat oder Einfalllosigkeit? Weiterlesen

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„Ich singe, was ich seh'“: Jochen Distelmeyers Debütroman „Otis“ (2015)

jochen-distelmeyer-otisJochen Distelmeyer. Blumfeld. Sänger. Pop-Kultur. Diskurspop. Debütroman. Hamburger Schule. Mit diesen und ähnlichen Begriffen sowie unter Zuhilfenahme von diversen Rezensionen zu Otis ließe sich ohne Mühe ein Bingo-Spiel erstellen: Wann immer die gelesene Kritik einen dieser Begriffe nennt, kreuzt man sie auf seinem Bingo-Kärtchen ab. Wer zuerst fünf in einer Reihe hat, darf „Bingo!“ rufen und sich seinen Preis abholen. Um welche der zahlreichen Kritiken es sich dabei handelt, spielt keine Rolle, ob Welt (Frédéric Schwilden, 26.1.15), ZEIT (Diedrich Diederichsen, 12.2.15), Spiegel (Tobias Rapp, 24.1.15), Berliner Morgenpost (Julia Friese, 29.1.15), Tagesspiegel (Gerrit Bartels, 30.1.15), Rheinische Post (Philipp Holstein, 30.1.15), SZ (Johan Schloemann, 30.1.15), Die Tageszeitung (Elise Graton, 31.1.2015), FAZ (Jan Wiele, 31.1.15) oder RBB (Tim Evers, 29.1.15). Natürlich ist die Erwartung immer groß, wenn jemand sein Fach wechselt. Sei es der ehemalige Nationaltorhüter Tim Wiese, der Wrestler wurde (oder wird, so genau weiß das keiner), sei es Arnold Schwarzenegger, der zum Politiker wurde, sei es Clint Eastwood, der vom Schauspieler zum Regisseur wurde oder sei es der legendäre Eddie the Eagle, der es, um bei Olympia teilnehmen zu dürfen, in verschiedenen Disziplinen versuchte, darunter Judo, Pferdereiten und Volleyball, bevor er schließlich als schlechtester Skispringer aller Zeiten Geschichte schrieb. Fachwechsler faszinieren, weil sie der zeittypischen Vorstellung vom gedrillten Fachidioten, dem One Trick Pony, widersprechen. Sie versprechen uns nicht nur, dass wir alles werden können, sondern auch, dass wir das mehrfach können. Und wenn dem Fachmann der Fachwechsel misslingt – Tim Wiese war und ist ebenso wenig ein guter Wrestler, wie Schwarzenegger ein guter Politiker, Eastwood ein guter Regisseur oder Eddie ein guter Skispringer – dann fühlen wir, die wir in keinem einzigen Fach reüssieren, uns immerhin nicht mehr ganz so schlecht. Nun schreibt Jochen Distelmeyer, einer der bekanntesten deutschen Liedermacher und ehemaliger Sänger der Hamburger Band Blumfeld, die bekannt für ihren Diskurspop war, einen Roman („Bingo!“). Kann er das? Und alle Rezensenten sind am Ende ein wenig erleichtert: Nein, kann er nicht. Zumindest nicht so gut wie Songs schreiben. Weiterlesen

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Abschließen nicht vergessen: Thomas Hürlimanns Novelle „Fräulein Stark“ (2001)

Thomas Hürlimann: Fräulein StarkVon barocker Fülle ist die Sprache in der 2001 erschienenen Novelle Fräulein Stark des Schweizer Schriftstellers Thomas Hürlimann. Die Sprache ist dem Inhalt der Novelle angemessen, spielt diese doch im „schönsten nicht-kirchlichen Barockraum der Schweiz“, wie es auf der Webseite des Stiftsbibliothek St. Gallen heißt. Denn, es handelt sich, wie die zahllosen Rezensionen nach Veröffentlichung der Novelle nicht zu betonen müde wurden, um einen Schlüsselroman. Dieses Unwort, das auch im Französischen (roman à clef), bemerkenswerterweise jedoch nicht im Englischen existiert, bezeichnet einen Roman, zu dem es einen Schlüssel gibt. Diese sind monofunktionale Werkzeuge: Sie schließen stets auf, nie zu, und das ist ein großes Pech. Denn wer den passenden Schlüssel für Hürlimanns Novelle gefunden hat – seine eigenen Erlebnisse als Junge im Stift unter seinem Onkel, dem Stiftsbibliothekar Johannes Duft (im Roman Jacobus Katz) – der kann diese Tür nicht mehr zuschließen. Und das ist angesichts der barocken Vielfalt der Novelle tragisch, die doch als wiederkehrendes Motto Nomina ante res ausgibt: Die Worte vor den Dingen. Einmal aufgeschlossen, schieben sich die (durchaus profanen) Dinge vor die Worte und vorbei ist es mit dem barocken Prachtgenuss. Weiterlesen

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Auf der Suche nach Sinn: Tom McCarthys Roman SATIN ISLAND (2015)

Tom McCarthy: Satin Island (Cover)„Me? Call me U.“ Wenn Literaturwissenschaftler Romane schreiben, darf man in der Regel einen großen Anspielungsreichtum erwarten, unzählige Zitate, so wie die Selbstbezeichnung des Ich-Erzählers in Tom McCarthys neuem Roman, Satin Island, der es vorige Woche auf die Longlist des Man Booker Preises 2015 schaffte. „Call me U“ erinnert natürlich an Herman Melvilles Moby Dick, dessen Erzähler sich dem Leser mit den Worten „Call me Ishmael“ vorstellt. Die Referenz in McCarthys Roman ist mehr als bloße Spielerei, sie signalisiert die Unzuverlässigkeit des Erzählens und so ist der Leser von Satin Island gleich zu Beginn gewarnt, dass das Folgende mit einer gehörigen Portion Skepsis zu lesen ist. Was aber ist es, was wir dort lesen? Eine Sinnsuche. Eine Sinnsuche von U., die gleichzeitig zur Sinnsuche des Lesenden wird. Weiterlesen

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Gerhart Hauptmann, Einsame Menschen (1891)

hauptmann-einsame-menschenGerhart Hauptmann war ein Vielschreiber. Daher verwundert es nicht, dass es eine Vielzahl literarischer Werke Hauptmanns gibt, die nur einem kleinen Publikum bekannt sind. Denn ist von Gerhart Hauptmann die Rede, denken die meisten sofort an Die Weber, an Bahnwärter Thiel, an Vor Sonnenaufgang oder an Die Ratten. Vielleicht auch an Hauptmanns Filmschaffen, an die Verfilmung seines Romans Atlantis (verfügbar auf YouTube), an seine Mitarbeit bei Murnaus Faust (YouTube), an Murnaus Film Phantom, der mit einer langen Einstellung beginnt, in der Hauptmann selbst über Feldwege schreitet (YouTube). Dabei ist die relative Unbekanntheit eines Großteils von Hauptmanns Werken weniger deren geringerer ästhetischer Qualität geschuldet. Vielmehr haben sich die Verlage nicht gerade vorbildhaft um den Literaturnobelpreisträger bemüht. Abgesehen von einigen günstigen Ausgaben der o.g. Texte für den Schulgebrauch, werden die Werke Hauptmanns nicht mehr verlegt. Wer sie lesen möchte, muss versuchen, antiquarisch an die vergriffenen Exemplare zu gelangen, auf eine gut sortierte Bibliothek vertrauen, oder hoffen, dass eine der nahegelegenen Bühnen ein selteneres Hauptmann-Stück auf den Spielplan setzt. Das frühe Drama Einsame Menschen ist eines dieser unbekannteren Hauptmann-Stücke, wenngleich es in den letzten Jahren durch diverse Inszenierungen an großen und kleinen Bühnen (Stuttgart, Düsseldorf, Berlin, Tübingen; vor kurzem: Bochum; in Kürze: Köln) eine kleine Renaissance erlebt hat. Weiterlesen

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Michel Houellebecq, Unterwerfung: Was hat der Roman mit dem Islam zu tun?

michel-houellebecq-unterwerfung-kleinIn direkter Bezugnahme auf die Anschläge in Paris, titelte die deutsche Wochenzeitschrift FOCUS in dieser Woche: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Doch!“ FOCUS-Redakteur Alexander Wendt erklärte, dass die Redaktion damit die Zusammenhänge von „islamistischem Terror“ und Islam mit „einem großen Fragezeichen“ versehen wolle. Wendt übersah anscheinend vollkommen, dass die Titelseite des FOCUS kein Fragezeichen sondern ein Ausrufezeichen setzte – und zwar in trotziger Selbstbehauptung hinter das Wort „Doch“. Mit Michel Houellebecqs neuem Roman, Unterwerfung, verhält es sich ähnlich. Er wird seit zwei Wochen sehr intensiv und vor allem kontrovers in den deutschen und internationalen Feuilletons diskutiert. Und immer wieder stellt sich die Frage, ob Unterwerfung etwas mit dem Islam zu tun habe oder nicht. Vordergründig scheint genau das der Fall zu sein, schildert der Roman doch ein Frankreich im Jahr 2022, in dem der Anführer einer „muslimischen Bruderschaft“, wie es dort heißt, zum Präsidenten der Republik gewählt wird, die er daraufhin rasch in einen islamischen Staat umbaut. Wie sollte, bei diesem Sujet, Houellebecqs neuestes Werk nichts mit dem Islam zu tun haben? Die Antwort ist einfach: Der Islam ist bei Houellebecq nicht wesentlich mehr als ein Platzhalter für eine antikapitalistische und antiliberalistische Gesellschaftsordnung. Und wer Houellebecqs Romanwerk seit Ausweitung der Kampfzone (1994) kennt, weiß, dass das eine soziale Organisationsform ist, die der Autor unbedingt begrüßt. Die Frage, die der Roman aufwirft lautet daher weniger, ob der Islam gut oder böse sei. Vielmehr fragt Unterwerfung, ob die Aufgabe von Freiheit und Selbstbestimmung nicht immer noch ein günstiger Preis für eine Befreiung vom Kapitalismus sei, mit anderen Worten: ob eine Unterwerfung unter eine beliebige Macht (wie beispielsweise einen islamisch geprägten Staat) nicht einen ernstzunehmenden Lösungsansatz für die Probleme der sogenannten „westlichen Welt“ darstelle. So betrachtet, hat Houellebecqs neuester Roman nur oberflächlich mit dem Islam zu tun. Weiterlesen

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Hans Scherfig, Der versäumte Frühling [Det forsømte forår] (1940)

det-forsommte-foraar-hans-scherfigDer dänische Satiriker Hans Scherfig ist hierzulande nicht besonders bekannt, während viele seiner Romane in Dänemark zur Schullektüre zählen. Die deutschen Übersetzungen von Scherfigs Texten sind größtenteils vergriffen und nur noch antiquarisch zu beziehen, der Verlag, der einige Titel Scherfigs veröffentlicht hatte, führt sie nicht mehr im Programm (Grafit Verlag). Das mag unterschiedliche Gründe haben. Zum einen wird skandinavische Literatur in Deutschland ohnehin kaum rezipiert (von der Flut skandinavischer Thriller- und Kriminalromane einmal abgesehen). Selbst große dänische Autoren und Nobelpreisträger wie Johannes Vilhelm Jensen, Henrik Pontoppidan oder Jens Peter Jacobsen werden in Deutschland nur selten beachtet oder fristen allenfalls ein Dasein als Fußnote in Büchern über heimische Dichter, wie etwa Rilke, der von Jacobsen sehr stark beeinflusst war. Ferner lassen die Romane Scherfigs seine sozialistischen Überzeugungen erkennen, was seiner Rezeption in der Bundesrepublik nicht unbedingt zuträglich gewesen ist. Dass sie jedoch nur ein marginales, auf Dänemark beschränktes Leseinteresse wecken könnten, ist hingegen von der Hand zu weisen: Es gibt in Scherfigs Romanen wenig, das „rein skandinavisch“ wäre und folglich nur skandinavische Leser interessieren dürfte. Insbesondere sein Roman Der versäumte Frühling ist eine düster-heitere Satire auf das Schulsystem und wie dieses jährlich in den Prüfungsmonaten die Schülerinnen und Schüler das Frühjahr kostet (welches sie ausschließlich mit Lernen und Prüfungsvorbereitung zubringen): Der versäumte Frühling des Romantitels. Wenngleich die schwarze Pädagogik, die der Roman schildert heute größtenteils durch pädagogisch wertvollere Konzepte ersetzt wurde, zeigt gerade die Schuljahrverknappung von 13 auf 12 Jahre in Deutschland, dass der Leistungsdruck, der auf den jungen Menschen lastet, keineswegs ab-, sondern eher zugenommen haben dürfte. Es dürfte auch heute noch so manchen Abiturienten ein Frühjahr des Lebens kosten… aber solche Parallelen wirken forciert. Das wirklich lesenswerte an Scherfigs Roman ist auch weniger seine irgendwie modern anmutende Aussage, als vielmehr der beißende Ton, mit dem diese transportiert wird. Sein anspruchsvoller und eleganter Spott und Hohn sind es, was diesen Roman so lesenswert macht.

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Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras

taube-im-grasDer James Joyce aus Deutschland. Das sollte Koeppen in den Augen seines Verlegers Siegfried Unseld, dem damaligen Leiter des Suhrkamp-Verlages, sein. Unseld erwartete von Koeppen nichts geringeres, heißt es in einem Interview aus dem Jahre 1991 in DER ZEIT, als den deutschen Ulysses. Also eine Fassung jenes Romans von Joyce, bei dem es bis heute selbst Literaturwissenschaftlern einen gewissen Schauer über den Rücken jagt. Ein Roman, der geheimnisvoll und unnahbar erscheint, den man nicht „einfach so“ liest, dessen Lektüre vielmehr hochkonzentrierte Arbeit erfordert und den ohnehin nur eine ganz kleine geistige Elite jemals wirklich zu Ende gebracht hat. Aus verlegerischer Sicht ist es fragwürdig, warum man ausgerechnet ein kryptisches Werk von seinem Autoren erhofft, verspricht dieses doch nicht unbedingt hohe Auflage. Warum Unseld es jedoch von Koeppen erhoffte, wird klar, wenn man dessen Trilogie des Scheiterns liest, dessen erster Roman Tauben im Gras (1951) ist. Der Roman knüpft formal und inhaltlich stark an die Hochphase des literarischen Modernismus an, dem die Machtergreifung der Nazis in Deutschland ein so jähes Ende bereitete. Die geistige Verbundenheit mit den Modernisten Joyce, Woolf oder Döblin spricht aus jeder Zeile des Romans, der dennoch mehr ist, als bloße imitatio auctoris, Nachahmung eines modernistischen Stils also. Wie kein zweiter deutscher Nachkriegsautor hat Koeppen erkannt, dass die Verfahren des literarischen Modernismus für die Wiedergabe der Lebenserfahrung der Besatzungszeit bestens geeignet sind. Weiterlesen

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Nobelpreis für Literatur 2014: Patrick Modiano

nobelpreis-medaille-smallAm heutigen Donnerstag, den 9. Oktober 2014, gab die Schwedische Akademie den Nobelpreisträger für Literatur 2014 bekannt. Die Wahl fiel auf den französischen Schriftsteller Patrick Modiano, den die Akademie lobte für „for the art of memory with which he has evoked the most ungraspable human destinies and uncovered the life-world of the occupation.“ Wettbüros wie Ladbrokes hatten zuletzt den Romanschriftsteller Haruki Murakami (Autor von Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt und anderen Romanen) sehr weit vorne gesehen. Auch Adonis (Ali Ahmad Said) und (etwas überraschend) der norwegische Dramatiker Jon Fosse hatten laut internationalem Feuilleton gute Aussichten auf den begehrten Literaturnobelpreis 2014. Die Vergabe an Modiano gilt als Überraschung. Auf der Webseite der Schwedischen Akademie gab es unmittelbar nach der Verkündigung eine Umfrage, ob man Modiano gelesen habe. Die Quote 10 Minuten nach Bekanntgabe betrug 94% NEIN und 6% JA. Seinen ersten Roman hatte Modiano im Jahr 1968 veröffentlicht: La Place de l’Etoile. Sein jüngster Roman stammt aus dem Jahr 2010 und trägt in der deutschen Übersetzung den Titel Der Horizont.

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Lutz Seiler, Kruso: Deutscher Buchpreis 2014

Literaturpreise sind Vermarktungsinstrumente und gehorchen folglich den Gesetzen des Marktes, nicht denen der Ästhetik. Letzteres ein altertümlich anmutendes Wort, das zuletzt vielleicht bei Adorno noch einen Wert hatte. Danach stand es für einige Zeit noch im Kurs. Heute ist es entwertet. Traditionell war sie die Lehre der Schönheit, vor allem der der Kunst. Heute ist sie das stets Suspekte, letztlich das Nichtauthentische das immer gekünstelt ist. Seine Komposita sind Schönheitsindustrie, Schönheitschirurgie, Schönheitsfarm und was der Lifestyle einem müde gewordenen Publikum sonst noch nahelegt. Kurz: Schönheit ist das, bei dem man getrost abschalten kann ohne etwas zu verpassen. In der Kunst hat sie nichts zu suchen. Vielleicht verwundert es daher auch nicht, dass der Deutsche Buchpreis 2014 an Lutz Seilers Roman Kruso vergeben wurde. Ein Roman, dem Schönheit ebenfalls ein Fremdwort ist, Schönheit der Sprache, Schönheit der Form. Der Abschaltreflex setzt nicht ein, man liest weiter, ein wenig wie Verkehrsunfall. Das Sujet wird’s schon richten, DDR. Ein schwacher, ideenloser, unästhetischer Roman, der symptomatisch für die Sackgasse ist, in die sich der deutsche Roman der letzten Jahre geschrieben hat.

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