Von Typen und Thesen: Mirna Funk, Winternähe (2015)

Mirna-Funk_Winternähe_2015Es scheint, als würden die Abstände zwischen aktuellen Ereignissen und deren ästhetischer Aufarbeitung immer geringer. Ob dieser Eindruck den historischen Tatsachen entspricht, müssen Literarhistoriker prüfen. Tatsache bleibt, dass Leserinnen und Leser in der Regel nicht lange auf die Fiktionalisierung einschneidender politischer Ereignisse warten müssen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 verarbeitete der US-amerikanische Autor Jonathan Safran Foer nur vier Jahre später in seinem erfolgreichen Roman Extremely Loud and Incredibly Close (2005; dt. Extrem laut und unglaublich nah); die Präsidentschaft Barack Obamas ist noch nicht zu Ende, da erscheint das Biopic Southside With You, das Obamas Lebensgeschichte erzählt (2016) und der Gaza-Konflikt von 2014 (Operation Protective Edge) musste kein Jahr darauf warten, zentraler Dreh- und Angelpunkt einer Romanhandlung zu werden. Die Rede ist von Mirna Funks Debütroman Winternähe, der 2015 bei Fischer erschienen ist. Der Roman, der zu etwa gleichlangen Teilen in Berlin, Tel Aviv und in Bangkok spielt, erzählt die Sinnsuche der jungen Berlinerin Lola, Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen ost-deutschen Mutter. Da im orthodoxen Judentum die matrilineare Abstammungsreihe ausschlaggebend ist, sieht sich Lola damit konfrontiert, dass sie von unterschiedlichen Personen nicht als Jüdin anerkannt wird. Nach einem skandalösen Vorfall, mit dem der Roman beginnt – zwei ihrer Kollegen haben ein Bild von ihr mit einem Hitlerbart versehen, fotografiert und auf Facebook geteilt („defacing“ nennt das der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho) – kündigt Lola ihren Job, lebt von den Erträgen ihres Instagram-Accounts und reist schließlich nach Israel, wo sie 2014 im Sommer den Gaza-Konflikt hautnah miterlebt. Lolas Suche nach Sinn in diesem Krieg, nach ihrer eigenen Identität und der Wahrheit ihrer Lebensgeschichte verspricht einen komplexen Roman. Dass Winternähe dieses Versprechen nur selten einlöst, liegt insbesondere an der meinungsstarken Hauptfigur. Die Autorin wirft Lola eine Reihe von Charakteren in den Weg, an denen sich bestimmte Konflikte persönlicher oder politischer Art entzünden können – was bedauerlicherweise ihre Primärfunktion darstellt. Erzählerische Tiefe erhalten die Figuren des Romans auf diese Weise nicht. Vieles in Winternähe bleibt Annäherung.

Winternähe im Sommer 2014

Dem Winter im Tel Aviver Sommer von 2014 nahe, flüchtet Lola nach Bangkok, wo sie über längere Zeit einfach so in den Tag hineinlebt. Das kann sie, weil sie keine Geldsorgen hat. Zwar kündigt sie zu Beginn des Romans ihren Job auf Grund des bereits erwähnten Vorfalls, aber sie besinnt sich schnell auf ihre künstlerischen Fähigkeiten und verdient in eben dem Medium Geld, in dem sie zuvor denunziert worden war: Instagram. Um sowohl Kontinuität und Bruch deutlich zu machen, „hatte Lola sofort nach dem Hitlerbartvorfall von Lola Wolf in Amon Hirsch geändert […] Den Namen Amon Hirsch hatte Lola aus dem Nachnamen ihrer Großmutter und dem Vornamen von Amon Göth gebildet, weil das die Verbindung von Opfer und Täter repräsentierte.“ Dass Lola nun ausgerechnet aus dieser Verschränkung von Opferleid und Täterschuld Kapital schlägt, indem sie „Abzüge aller ihrer Instagrambilder im Format von 90 x 70 für hundertfünfzig Euro das Stück“ anbietet, ist fraglos ein interessanter Startpunkt für eine Erzählung. Doch schon einen Absatz später wird klar, dass es hier nicht um die ungeheure Assimilationskraft des Kapitalismus geht, sondern schlicht darum, die Romanheldin mit genügend Kapital für ihre Selbstfindungsreise auszustatten: „Zwei Wochen später betrug ihr Kontostand 33478 Euro.“ Selbstfindung, lernen wir, gibt es nicht zum Nulltarif. Wer zu sich selbst will, muss erst bezahlen.

Ohne Geldsorgen lebt Lola einige Wochen eine Art Bohème-Leben in Berlin, reist dann nach Israel und schließlich nach Bangkok. Und auch alle anderen Menschen in Lolas Leben scheinen auf magische Weise von finanziellen Nöten entbunden. Da ist etwa Shlomo, den Lola in Berlin kennenlernt und mit dem sie in Tel Aviv ebenfalls in den Tag hineinlebt – zwischen Strandbesuchen, Sex und Parties. Auch Benjamin (sozusagen Lolas Berliner Shlomo) ist ein Künstler mit dem sie „komischen Sex machte, den Juden aus den Stalag-Heften kannten und alle anderen aus »Fifty Shades of Grey«“. Der Vergleich ist nicht ganz unangebracht, sind doch auch in Fifty Shades of Grey die Hauptfiguren auf eigentümliche Weise aller finanziellen Nöte entbunden und können ihrem hedonistischen Leben frönen.

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Mirna Funk (Schriftstellerin) Foto: Stephan Röhl Lizenz: CC BY-SA 2.0

Nun ist die Zeit des literarischen Realismus oder gar Naturalismus vorbei und wir erwarten keine genauen Milieu-Studien, welche die sozioökonomischen Hintergründe der Figuren genau ausleuchten. Was den Charakteren in Funks Winternähe jedoch fehlt ist die Fähigkeit, auf mehr als bloß einer Ebene Interesse zu wecken. Sie scheinen einer Typenkomödie entsprungen, in denen sie genau eine Funktion erfüllen. Ihre Nöte sind die einer sinnsuchenden Jugend, die jeglicher Arbeit entbunden ist. Für Karl Marx war Arbeit zunächst eine Form von „Prozeß zwischen Mensch und Natur“, in dem sich der Mensch selbst bildet: „Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“ (Das Kapital Bd. I, Kap. 5). Veränderung ist für die Figuren in Winternähe nicht vorgesehen. Sie sind das, was E.M. Forster „static characters“ nannte, die sich am Ende des Romans nicht verändert haben werden. Sie sind statische Typen und folglich auch jeder Arbeit (konkreter, abstrakter, vergegenständlichter, entfremdeter) entbunden.

Da ist beispielsweise Toni, der Plattenladenbesitzer (gleichfalls frei von finanziellen Zwängen und Nöten), der sich brennend für Israel interessiert, besonders für die, wie er sagt,

Gehirnwäsche, der man uns Deutsche seit dem Ende des Krieges unterzieht. Immer müssen wir uns schuldig fühlen. Was habe ich denn damit zu tun, was mein Großvater getan hat? Nichts. Absolut gar nichts. Immer sind es die armen Juden, und man darf nichts gegen Israel sagen. Sofort ist das Antisemitismus. Dabei will ich doch nur ein Land von vielen kritisieren dürfen. Wieso bin ich da gleich Antisemit?

Funk legt ihren Finger auf eine schmerzhafte Wunde der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft – die recht verlogene Antisemitismus-Debatte angesichts Pegida und AfD zeigt das sehr deutlich. Funk hat fraglos recht, dass sich hinter dem stolzen Gehabe deutscher Meinungsfreiheit und Kritikfähigkeit ein latenter Antisemitismus verbirgt. Und dennoch bleibt die Toni-Figur erzählerisch hinter ihrem Potential zurück, sie ist so eindimensional, dass man schon nach seinen ersten Sätzen weiß, wie das Kapitel enden wird: Toni wird eine ganze Menge wilder Zusammenhänge konstruieren, um seine Position zu rechtfertigen, und er wird von anderen Menschen Beifall dafür ernten. Dass Lola dabei – zugegeben unerwartet – Benjamin eine Text-Nachricht schickt, dieser hinzukommt und sie ihm dann während des laufenden Streits unter dem Tisch unbemerkt von anderen einen Blowjob verpasst, rettet die erzählerisch schwache Szene auch nicht mehr.

Die konfliktreichen Passagen des Romans wirken essayistisch. Man spürt, dass die Erzählung um diese Thesen und Grundkonflikte herumkonstruiert wurde – fast ist man versucht zu sagen, „lediglich herumkonstruiert“. Als Erzählung ist Winternähe, wie Björn Hayer in der ZEIT vom 7. Oktober 2015 korrekt bemerkt, „mehr als statisch.“ Hayer befindet jedoch, dass „dieses Werk, das nebenbei auch noch eine anmutige Liaison d’amour enthält, mitsamt seiner politischen Verve wach[rüttelt] – offenbart es doch eine Jugend mit Rückgrat und Streitbarkeit.“ Dem ist angesichts der schablonenhaften Figuren nur bedingt zuzustimmen, offenbart Winternähe allenfalls den Wunsch nach einer Jugend mit Rückgrat und Streitbarkeit.

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