Joseph Conrad, Nostromo (1904)

Joseph Conrad Nostromo PenguinKurz nach dem Zweiten Weltkrief veröffentlichte der große britische Literaturwissenschaftler und -kritiker F.R. Leavis einen schmalen Band mit dem unscheinbaren Titel The Great Tradition. Darin nahm er sich vor, sämtliche Prosaautoren der englischsprachigen Literaturgeschichte näher zu beleuchten, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Literatur gehabt hätten. Er kam immerhin auf viereinhalb Autoren: Jane Austen, George Eliot, Henry James und Joseph Conrad. Später fügte er noch einen halben Charles Dickens hinzu, dieser habe mit seinen Romanen keinen festen Platz in Leavis‘ Großer Tradition verdient, wobei der Cambridge-Professor eine Ausnahme zuließ: Hard Times sei Dickens‘ Meisterwerk und sichere ihm letztlich einen (wenn auch eingeschränkten) Platz im illustren Kreis der anderen vier großen Romanciers. Dass Leavis Virginia Woolf, James Joyce, Charlotte Brontë, Laurence Sterne, Henry Fielding, W.M. Thackeray, Daniel Defoe oder Thomas Hardy nicht in seinen Kanon mitaufnahm dürfte allein schon verwundern. Doch damit waren die Merkwürdigkeiten bei weitem noch nicht zu Ende. Die Auswahl der jeweiligen Romane, die er bei den vier(einhalb) Autorinnen und Autoren traf, sorgte damals wie heute für Verwunderung. So befand Leavis, dass es sich bei Conrads wohl bekanntestem Werk, Heart of Darkness, um ein Prosastück minderer Qualität handele, während Conrads wahrhaft großer Beitrag zur englischen Literatur zwei hierzulande eher unbekanntere Romane seien: The Secret Agent und Nostromo. Während ersterer bei Reclam, Manesse und Diogenes sowie seit 2015 auch als Hörbuch bei Der Audio Verlag erhältlich ist (gelesen von Jürgen Holtz), liegt Nostromo zwar in deutscher Übersetzung vor, wird aber derzeit nicht aufgelegt. Interessierte Leser müssen ihn also entweder antiquarisch erwerben oder eine der zahlreichen 99-Cent-Kindle-Ausgaben herunterladen, die auf Amazon kursieren. Und dieser Roman, der im deutschsprachigen Roman im Grunde völlig unbeachtet geblieben ist, soll also der große Beitrag Conrads zur Weltliteratur sein? Der Roman eines in England lebenden und auf Englisch schreibenden Polen, dessen Handlung in einer fiktiven (nach Kolumbien modellierten) südamerikanischen Republik spielt? Hier ein Blick auf Conrads Nostromo.

Nostromo: Inhaltsangabe

Worum geht es in Nostromo, diesem „great creative masterpiece“, wie Leavis den Roman schärmerisch nennt, und von dem er behauptet, er halte mühelos den Vergleich mit Shakespeares Dramen stand? Der Ort der Handlung ist die fiktive südamerikanische Republik Costaguana (vermutlich nach dem tatsächlichen Kolumbien modelliert), Zeitpunkt in etwa das späte 19. Jahrhundert. Unter seinem Präsidenten Ribiera, hat diese Republik eine ungewohnte Zeit politischer und wirtschaftlicher Stabilität erlebt, die zum Zeitpunkt der Romanhandlung durch einen Militärputsch an ein jähes Ende kommt. Der Silberminenbesitzer Charles Gould ist bemüht, dass abgebaute Silber eilig außer Landes zu schaffen, bevor die Truppen der neuen Regierung in der Stadt Sulaco ankommen (und das Silber zweifellos kassieren würden). Er beauftragt zwei junge Männer, den Schriftsteller und Journalisten Martin Decoud und den titelgebenden Hafenarbeiter Nostromo („a fellow in a thousand“, wie es wiederholt im Roman heißt), das Silber mit einem Leichter auf See zu fahren, um einen Dampfer abzupassen, der das wertvolle Edelmetall außer Landes bringen kann. Die nächtliche Fahrt auf hoher See in völliger Dunkelheit bildet den Mittelpunkt des Romans. Der ansonsten mit Lob geizende Leavis nennt diese Szene überschwänglich „one of the most vivid pieces of sensuous evocation in literature.“ Es gelingt den beiden Abenteurern, das Silber auf einer kleinen Insel auf dem Meer in Sicherheit zu bringen.

FR Leavis The Great Tradition

F.R. Leavis: The Great Tradition (v.l.n.r. Henry James, George Eliot, Joseph Conrad)

Nostromo fährt mit dem Boot zurück an Land, Decoud bleibt zurück, um das Silber zu bewachen. Die beiden vereinbaren, dass Nostromo ihn in wenigen Tagen wieder besuchen werde, doch die Dinge entwickeln sich anders. Wieder an Land, gerät Nostromo in den Strudel der Ereignisse: Jederman dort glaubt, dass der Leichter mit dem Silber von einem anderen Boot gerammt worden sei und Decoud dabei den Tod gefunden habe. Somit sind Nostromo und Decoud die einzigen, die von der Existenz des Silbers wissen. Mit anderen Worten: Ohne es je geplant zu haben, sind sie in den Besitz eines ungeheuren Schatzes gelangt. Der dritte und letzte Teil des Romans beschreibt den Einfluss des immensen Reichtums auf die beiden Hauptfiguren. Der auf der Insel zurückgebliebene Decoud leidet an der Einsamkeit und glaubt, als Nostromo tagelang nicht zurückkehrt, dass dieser entweder gestorben sei oder ihn verraten habe. Nachdem Decoud 10 Tage lange schlaflos neben dem Silberschatz die Zeit totgeschlagen hat, rudert er auf einem kleinen Boot auf das offene Meer hinaus, wo er sich erschießt. Nur wenige Tage später findet Nostromo in den Revolutionswirren endlich die Zeit, zu Decoud hinauszufahren, realisiert schnell was vorgefallen sein muss und ist nun alleiniger Besitzer des Silberschatzes, den er aber nicht ohne Aufsehen zu erregen veräußern kann: „I must grow rich slowly“, beschließt er und sticht kurz nach der Niederschlagung der Aufstände in See.

In einer erzählerischen Coda, kehrt Nostromo als reicher und gestandener, aber nicht mehr ganz junger Mann, zurück und beschließt, Giselle zu heiraten, die jüngere Tochter eines alten Italieners, der zum Wärter des in der Zwischenzeit auf der Silberschatzinsel erbauten Leuchtturms ernannt worden ist. Auf Grund eines Missverständnisses gibt der alte Italiener Nostromo die Hand seiner anderen Tochter Linda. Nostromo offenbart Giselle seine Liebe, beschließt mit ihr durchzubrennen und will nachts einige Silberbarren holen, als er von dem alten Leuchtturmwärter erschossen wird, der Nostromo in der Nacht verwechselt hat. Das Geheimnis um den Silberschatz nimmt Nostromo mit ins Grab.

„Material interests“

„There is no peace and no rest in the development of material interests. They have their law, and their justice“, sagt eine der zentralen Romanfiguren, Dr. Monygham, gegen Ende von Nostromo. Und Joseph Conrad bestätigte kurz vor seinem Tod, dass Dreh- und Angelpunkt der moralischen und materiellen Ereignisse des Romans die Wirkung des Silbers auf jedermans Leben sei.“Material interests“ geraten im Roman abwechselnd in das Fahrwasser imperialistischer, separatistischer, religiöser und kapitalistischer Bestrebungen. Dabei verteilt Conrads Erzählkunst die rivalisierenden Ideologien konsequent auf die Romanfiguren. An keiner Stelle von Nostromo tritt eine Erzählerperspektive in den Vordergrund, die das Geschehen mit Gewissheit und Autorität in richtig oder falsch einteilte, in gut oder schlecht, in sinnvoll und sinnlos. Fraglos ist das Conrads narrative Strategie in allen seinen Texten. Wer eine Stimme der dialogischen Struktur seiner Romane isoliert betrachtet, kommt vorschnell zu Urteilen über Conrads eigene politische Haltung; etwa, dass er, wie Chinua Achebe 1975 behauptete, „A bloody racist“ sei – ein Urteil, das man fraglos mit dem britischen Philosophen Gilbert Ryle als einen „Kategorienfehler“ bezeichnen muss.

So vertritt der englischstämmige Minenbesitzer Charles Gould die Auffassung, dass es eben jene materiellen Interessen seien, die dem Land nachhaltig politische Ordnung und ökonomische Stabilität bringen werde. Gould der Imperialist ist der Überzeugung, dass der Kapitalismus allein Wohlstand und Sicherheit zu bringen in der Lage sei:

„What is wanted here is law, good faith, order, security. Any one can declaim about these things, but I pin my faith to material interests. Only let the material interests once get a firm footing, and they are bound to impose the conditions on which alone they can continue to exist.“ (I.6)

Joseph Conrad Photograph

Fotografie von Joseph Conrad aus dem Jahr 1904, als er Nostromo schrieb.

Die Separatistenbewegung unter General Montero hingegen sieht es, zumindest vordergründig, als ihre Aufgabe an, die Republik Sulaco „against the sinister land-grabbing designs of European powers“ zu verteidigen (II.2). Und die dominant katholischen Bewohner von Sulaco finden sich hin- und hergerissen zwischen den beiden Positionen: Bringt ihnen die kapitalistische Ausrichtung der europäischen Herrschaft zwar Sicherheit, aber auch einen steigenden Einfluss der Protestanten im Land, eine „Protestant invasion of Sulaco organized by the Holroyd Missionary Fund“ (III.11). Hinzukommen persönliche, individuelle, idiosynkratische und narzisstische Motive der einzelnen Figuren, sich in den Konflikten auf die ein oder andere Weise zu positionieren.

Nostromo ist ein vielschichtiger und vielstimmiger Roman. Das ist gleichzeitig seine enorme Stärke wie Schwäche. Denn während das dialogische Kompositionsprinzip ein lebhaftes und komplexes Bild politischer Unruhen entstehen lassen, fordert die Produktion dieses Bildes dem Leser eine hohe Konzentration ab. Mit Ausnahme einiger weniger, sich ins Melodramatische neigenden Szenen – der Selbstmord Decouds etwa, oder der tragische Unfall, der zu Nostromos Tod führt – muss der Leser von Nostromo die Bereitschaft mitbringen, eine fiktive südamerikanische Republik vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen und die zahlreichen Interessen der jeweiligen Akteure innerhalb (und außerhalb) derselben gegeneinander abzuwägen. Einen sicheren Aussichtspunkt, von dem aus das Geschehen moralisch zu überblicken wäre, sucht man in Nostromo, wie so oft bei Conrad, vergeblich. Wer liest, um erbaut zu werden, sollte von Nostromo Abstand nehmen. Wer liest, um belehrt zu werden, ebenfalls. Wer eine moralische und narrative Herausforderung sucht und als Leser eine gewisse Beharrlichkeit mitbringt, der findet in Nostromo einen Schatz der ganz besonderen Sorte.

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Eine Antwort auf Joseph Conrad, Nostromo (1904)

  1. Aleksandra sagt:

    Ich habe im Internet das Zitat gefunden, Conrads Nostromo habe eine „notoriety as a novel that one cannot read unless one has read it before.“ [Jacques Berthoud. Joseph Conrad: The Major Phase. Cambridge: CUP, 1978, p. 97 – zitiert nach Modernism Lab] . Ich finde, das ist sehr wahr. Ich habe den Roman zwei Mal in meinem Leben gelesen. Als Studentin in den frühen 1990ern und ich habe ihn gehasst. Kürzlich habe ich ihn, weil ein Freund davon so schwärmte, neugierig noch einmal in die Hand gelesen. Und ich kann bestätigen, dass die erneute Lektüre eine richtige Offenbarung war. Der Roman hat mir plötzlich eine neue Welt eröffnet und mir Einblick in das Wesen der Menschheit gewährt, wie ich es vorher nicht für möglich gehalten hätte. Vielleicht liegt es an der Zweitlektüre. Vielleicht an meinem fortgeschrittenen Alter (ich bin 46). Vielleicht, weil ich ihn dieses Mal im Original und nicht in einer Übersetzung gelesen habe und Conrads englische Prosa so schön ist. Jedenfalls möchte ich jedem, der den Roman liest empfehlen, ihn ein zweites Mal zu lesen, auch wenn Nostromo beim ersten Mal so widerständig ist. Was für ein wundervoller Roman!

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