Balzac: Vater Goriot – Inhalt und Interpretation

Zweifellos gehört Balzacs Roman Vater Goriot (im Original: Le Père Goriot) (1835) zu den großen Meisterwerken der Literatur des Realismus. Die schonungslos in ihrer Gier und Verkommenheit gezeichnete Pariser Gesellschaft der Restaurationsjahre (1814-1830; unterbrochen durch die sog. Herrschaft der Hundert Tage, in denen Napoléon Bonaparte aus dem Exil in Elba zurückkehrte, die Macht an sich riss und erst in Waterloo endgültig geschlagen wurde). Die Restauration sollte erst mit der Julirevolution von 1830 ihr Ende finden; das bedeutet, dass Balzac in Vater Goriot eine Gesellschaft schildert, die zur Zeit der Niederschrift des Romans (1834/5, also unter dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe I.) bereits historisch zu nennen war. Der Roman spielt ausschließlich in Paris und wurde von Balzac in seiner Comédie humaine unter die „Scènes de la vie privée“ eingeordnet, also die „Szenen des privaten Lebens“.

Balzac und die Comédie humaine

Vermutlich ist den meisten Leserinnen und Lesern das Konzept der Comédie humaine von Balzac vertraut. Für alle diejenigen, die damit nichts anzufangen wissen, hier eine sehr kurze Einführung.

Übersetzt heißt La Comédie humaine: Die Menschliche Komödie und bildet damit einen erkennbaren Gegenpart zu einem anderen berühmten literarischen Werk, Dantes Göttlicher Komödie (Divina Commedia, wohl zwischen 1307-1320 geschrieben). Darin schilderte Dante den Weg des Erzählers durch die Hölle (1. „Inferno“), den Läuterungsberg (2. „Purgatorio“) bis hin ins Paradies (3. „Paradiso“). Bemerkenswert ist die große Zahl an Persönlichkeiten, die dem Erzähler auf seinem Weg begegnen. Sie stellen sozusagen ein großes Gesellschaftspanorama des Mittelalters dar.


Balzacs Menschliche Komödie hingegen schildert nicht die Seelen der Menschen im Jenseits, sondern die real existierenden Menschen im Diesseits. Dabei bezieht Balzac auch gewöhnliche und schlechte Menschen mit in seine Darstellung ein, was seine Erzählungen als dem Realismus zugehörig kennzeichnen. Vorher war es in der Literatur üblich gewesen, gewöhnliche Menschen gar nicht (bzw. nur in Komödien) zu beschreiben (eine Konvention, die im Wesentlichen auf Aristoteles zurückgeht). Bei Balzac kann auch der Alltag und das Gewöhnliche durchaus tragisch sein, ohne dass er Alltagsmenschen idealisiert.

Balzac hatte 137 Romane für seine menschliche Komödie geplant, von denen er bei seinem Tod im Jahr 1850 immerhin 91 vollendet hatte. 1842 erklärte Balzac sein Konzept in einem Vorwort zur Menschlichen Komödie: „Avant-Propos de La Comédie humaine“ und nennt die drei Hauptkategorien, in die sich dieses Gesamtwerk unterteilt:

  1. Studien der Sitten (Études de mœurs)
  2. Analytische Studien (Études analytiques)
  3. Philosophische Studien (Études philosophiques)

Jede dieser Hauptkategorien hat weitere Unterkategorien, darunter die bereits erwähnten „Scènes de la vie privée“ sowie u.a. die „Scènes de la vie de province“, „Scènes de la vie politique“, „Scènes de la Vie de campagne“ oder die „Scènes de la vie militaire“.

Balzac: La Comédie humaine (Foto: Wikipedia; CC BY-SA 3.0)

Die einzelnen Romane werden dabei nicht nur durch die Zuordnung in eine dieser Rubriken zusammengehalten; auch tauchen Figuren aus dem einen Roman in einem anderen Roman wieder auf. Von den zentralen Figuren aus dem Vater Goriot tauchen die meisten in vielen anderen Balzac-Romanen wieder auf; der Baron Frédéric de Nucingen, zum Beispiel, taucht in 38 weiteren Romanen auf; der Arzt Horace Bianchon, der im Vater Goriot eher eine untergeordnete Rolle spielt, kommt in weiteren 27 Romanen vor; ebensooft taucht Eugène-Louis de Rastignac, die Hauptfigur im Vater Goriot, in anderen Balzac-Romanen auf.

Vater Goriot – Inhalt

Nach diesen kurzen, einführenden Worten zur Menschlichen Komödie von Balzac, nun zu seinem Roman Vater Goriot. Der Roman spielt im Jahr 1819 in Paris. Er beschreibt das Leben einiger Personen, die allesamt in der Pension der Madame Vauquer („Maison Vauquer“) abgestiegen sind, die in der Rue Neuve-Sainte-Genevieve liegt (die heutige Rue Tournefort). Der Roman beginnt mit einer langen Schilderung des heruntergekommenen Maison Vauquer und präsentiert dann erst seine Bewohner, deren Leben genauso heruntergekommen erscheint, wie das Haus, in dem sie alle wohnen.

Unter den Bewohnern sind auch die drei Hauptfiguren des Romans: Vautrin (taucht u.a. auch in Glanz und Elend der Kurtisanen sowie Verlorene Illusionen auf), Eugène de Rastignac (ein junger Student aus dem Süden des Landes) und der titelgebende Vater Goriot. Letzterer ist ein ehemaliger Fadennudelfabrikant, der sein Vermögen in den Jahren nach der Revolution gemacht hat; er hat zwei Töchter, die beide reich verheiratet sind: Anastasie de Restaud (die ältere Tochter) und Delphine de Nucingen (die jüngere).

Vater Goriot, Illustration: Rastignac (links) und Vautrin (rechts) (Foto: Wikipedia; CC BY-SA 3.0)

Rastignac träumt derweil von der Feinen Pariser Gesellschaft, zu der er gerne Zutritt hätte. Er versucht, über seine Cousine, Madame de Beauséant Eingang in die Gesellschaft zu erlangen, was ihm nach einigen kleinen Fehltritten auch gelingt. V.a. mit der jungen Delphine de Nucingen kommt er schnell auf vertraulichen Fuß. Als deren Vater (Vater Goriot) davon erfährt, bestärkt er Rastignac in seinen Unternehmungen, da der eigentliche Ehemann seiner Tochter ihm das Haus verwehrt und er hofft, über Rastignac wieder mehr Kontakt zu seiner Tochter zu erhalten. Aufopferungsvoll und unter großen persönlichen Entbehrungen fädelt es Vater Goriot ein, dass Rastignac eine standesgemäßere Wohnung nehmen kann, wo er und Delphine sich treffen können.

Gleichzeitig versucht der andere Pensionsbewohner, Vautrin, Rastignac mit der jungen Victorine Taillefer zu verkuppeln. Diese hat einen reichen Vater, der sie aber nicht anerkennt, da er aus zweiter Ehe einen Sohn hat, dem er sein Vermögen unvermindert hinterlassen möchte. Vautrin plant, Rastignac mit Victorine zu verkuppeln, dann deren Halbbruder im Duell töten zu lassen, so dass Victorines Vater genötigt ist, sie doch anzuerkennen und Rastignac so über Nacht zum Millionenerben wird. Der Plan ist schon weit fortgeschritten und Rastignac und Victorine flirten bereits miteinander, als durch eine Spionin in der Pension bekannt wird, dass Vautrin in Wahrheit Jacques Collin heißt und ein skrupelloser Gauner ist. Die Polizeit nimmt ihn fest.

Rastignac ist weiterhin zwischen den beiden Frauen, Delphine und Victorine, hingerissen. Doch Vater Goriot übt sanften Druck auf Rastignac aus, so dass dieser sich immer mehr Delphine zuwendet. Vater Goriot erlebt sein höchstes Glück bei einem gemeinsamen Abendessen mit seiner Tochter Delphine und seinem Schwiegersohn in spe.

Doch, wie bei Balzac nicht unüblich, soll das Glück nicht von langer Dauer sein. Am Tag, als Rastignac in seine neue Wohnung umziehen soll, wird Goriot von seinen beiden Töchtern besucht, die beide durch ihr unkluges Handeln in arge Geldnöte geraten sind und ihren Vater um Geld bitten. Doch dieser hat sich vollkommen veräußert und ist außer Stande, seinen Töchtern noch Geld zukommen zu lassen. Vater Goriot macht sich deswegen schwere Selbstvorwürfe, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich und Rastignac muss sich am Abend auf den Weg zu Delphine machen, um dieser mitzuteilen, dass ihr Vater im Sterben liegt. Doch Delphine denkt nur an den bevorstehenden Ball bei ihrer Schwester in dieser Nacht und will von den Leiden ihres Vaters nichts hören.


Als Goriots Leben dem Ende zuneigt, verlangt er nach seinen Töchtern, dass sie ihn noch ein letztes Mal besuchten. Doch beide lassen sich verleugnen. Jetzt erst, auf seinem Sterbebett, dem Tode nahe und völlig verarmt, erkennt der einst reiche Vater Goriot, dass seine Töchter nicht ihn geliebt haben, sondern nur sein Geld – und nun, da dass Geld fort sei, ihm die Töchterliebe verweigerten. Er stirbt schließlich nach langer Qual. Rastignac bittet die beiden Töchter um Geld für das Begräbnis, das diese ihm ebenfalls verweigern. So versetzt Rastignac seine kostbare Uhr, um die Beerdigung von Vater Goriot zu bezahlen. Der Roman endet damit, dass Rastignac angeekelt von der feinen Pariser Gesellschaft von der Beerdigung zurückkehrt.

Vater Goriot: Worum geht’s eigentlich?

Vater Goriot ist ein Roman mit zwei eindeutigen thematischen Schwerpunkten: Die Entlarvung der feinen Gesellschaft als herzlos und geldgierig; und die Übertragung dieser Prinzipien auf die kleinste Gesellschaftsform: Die Familie. Balzac, von dem seine englische Zeitgenossin Charlotte Brontë sagte, er sei wie ein „unangenehmer Bekannter, der uns stets in klarstem Licht unser Unvermögen vorhalte und nur selten unsere besseren Eigenschaften zum Vorschein bringe“, schildert eine durch und durch korrupte Gesellschaft im Angesichte gewagter Finanzspekulationen; eine Gesellschaft, deren Moral nur in Geld gemessen wird.

Das kurze Glück von Vater Goriot: Das gemeinsame Abendessen mit seiner Tochter Delphine und seinem vermeintlichen Schwiegersohn in spe, Rastignac (Foto: Wikipedia; CC BY-SA 3.0)

Rastignac ist ein junger Mann, der sich zu dieser vermeintlich elitären Gesellschaftsschicht, der Reichen und Schönen, Zutritt verschaffen möchte. Je mehr er jedoch Zugang erhält, desto mehr geht ihm auf, wie verkommen diese Gesellschaft eigentlich ist. Balzac erliegt dabei keineswegs der Versuchung, die ärmeren Bevölkerungsschichten zu romantisieren, wie es etwa Charles Dickens häufig machte; ganz so, als würde geringeres Kapitel automatisch höhere Moral bedeuten.

Vautrin, der Verbrecher mit seinen anarchistischen Reden, übt wohl gerade deshalb eine so große Faszination auf Rastignac aus, weil er sich bewusst in einem Außerhalb dieser Gesellschaft verortet, die er in ihrer Unaufrichtigkeit durchschaut zu haben vorgibt. An einer Stelle des Romans offenbart Vautrin Rastignac gegenüber seine misanthropische Weltanschauung: „Sie glauben, es gäbe etwas Positives in der Welt. Verachten Sie nur die Menschen…“ (149); an einer anderen Stelle offenbart er seine rigide Tugendethik: „Die Tugend, mein lieber Student, lässt nicht mit sich handeln, sie ist oder ist nicht.“ (148) Die Lösung, die der Zyniker Vautrin für die sicherlich korrekt analysierten gesellschaftlichen Probleme anbietet, entlarvt ihn jedoch als einen kühlen und unmenschlichen Machiavellisten: „In diese Menschenmasse muss man einschlagen wie eine Kanonenkugel oder sich hineinschleichen wie eine Seuche.“ (140)

Erschwert wird Rastignacs Orientierung im Pariser Gesellschaftsleben zusätzlich noch durch die Gewissensbisse, die er auf Grund seiner eigenen Familie empfindet. Diese spart sich das Geld vom Munde ab, um seine Ausbildung in Paris bezahlen zu können. Rastignac findet sein eigenes Leben in potenzierter Form in Goriots Töchtern wieder und bis zum Ende löst sich das Dilemma nicht vollständig für ihn auf, wenngleich zahlreiche Prolepsen im Text seinen weiteren Lebensweg schon andeuten…

Bibliographie:
Honoré de Balzac: Vater Goriot. Dt. von Gisela Etzel. Fischer, 2008.
Honoré de Balzac: Le Père Goriot. Hachette, 2005.

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