Hat Shakespeare seine Stücke selbst geschrieben?

Spätestens seit Roland Emmerichs Kinofilm Anonymous (2011) wird wieder viel über Shakespeare gesprochen. Im Zentrum der Diskussionen stehen dabei weniger die 38 Dramen, 154 Sonette und 2 narrativen Versdichtungen, als vielmehr die Frage, wer der Verfasser dieser Texte sei; anders formuliert: Wer ist Shakespeare? Diese Frage beschäftigt nicht nur Liebhaber von Verschwörungstheorien, sondern auch renommierte Shakespeare-Forscher weltweit. So erschien beispielsweise im 19. Jahrhundert in einem Fachmagazin ein Artikel von Robert W. Jameson mit dem Titel „Who Wrote Shakespeare“ (dt.: „Wer schrieb Shakespeare“). Der Artikel äußerte starke Zweifel an der Verfasserschaft Shakespeares und sollte eine Vielzahl von ähnlich argumentierenden Artikeln nach sich ziehen. Immer wieder wurden Geistesgrößen des späten 16. Jahrhunderts als ‚eigentliche‘ Autoren von Shakespeares Werk ins Spiel gebracht. Die Argumentationen wurden mal wissenschaftlich, mal polemisch geführt; das Beweismaterial erwies sich manchmal als recht stichhaltig, mal als wild-spekulativ. Und natürlich fanden sich schnell auch Stimmen, die sich für die Verfasserschaft Shakespeares aussprachen. Dieser Artikel stellt die wichtigsten Positionen der Shakespeare-Urheberschaftsfrage vor.

Stratfordianer und Anti-Stratfordianer

Wir wissen wenig über William Shakespeare. Was wir von dem Mann dieses Namens definitiv wissen, ist, dass er 1564 im mittelenglischen Stratford-upon-Avon geboren wurde. Folglich unterscheidet man bei der Urheberschaftsfrage Shakespeares häufig zwischen „Stratfordianern“ und „Anti-Stratfordianern“. Erstere behaupten, dass der Mann aus Stratford tatsächlich auch der Verfasser der unter dem Namen ‚Shakespeare‘ veröffentlichten Texte ist, letztere behaupten, dass er es nicht ist. Für Anti-Stratfordianer gibt es zudem weitere Unterbezeichnungen. Die Anti-Stratfordianer zum Beispiel, die behaupten, dass in Wahrheit der Earl of Oxford der Verfasser der Dramen sei, werden „Oxfordianer“ genannt; solche die Christopher Marlowe als Verfasser betrachten, nennt man „Marlowianer“ usw.


Die anti-stratfordianische Haltung wurde besonders in der Mitte des 19. Jahrhunderts stark vertreten, etwa mit dem o.g. Artikel von Jameson. Die ersten kritischen Artikel lösten eine ganze Welle ähnlicher Artikel und Spekulationen aus, traten also eine urheberschaftskritische Mode los. Doch die Mode sollte nicht, wie das mit Moden im allgemeinen zu sein pflegt, vergehen. Auch im 20. Jahrhundert wurde weiter über die Wer-ist-Shakespeare?-Frage spekuliert. So schrieb z.B. der englische Wissenschaftler und Politiker Edwin Durning-Lawrence zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Buch mit dem provokanten Titel Shakespeare is Bacon (1910). Darin behauptet Durning-Lawrence, dass der Autor der Dramen, die wir gewöhnlich ‚Shakespeare‘ zuschreiben, in Wahrheit Sir Francis Bacon (1561–1626) sei. Damit ist Durning-Lawrence ein sogenannter „Baconianer“.

Im September 1923 publizierte A. Webster einen Artikel mit dem Titel Was Marlowe the Man? (dt.: War Marlowe der Mann?). Der Artikel spekuliert darüber, dass Shakespeares Zeitgenosse Christopher Marlowe der eigentliche Verfasser der Dramen sei. Marlowe habe seinen frühen Tod im Jahre 1593 (er wurde wohl erstochen) demnach nur vorgetäuscht und unter dem Pseudonym ‚Shakespeare‘ weitergeschrieben. Vertreter dieser Theorie nennt man folglich „Marlowianer“.

Der Kinofilm Anonymous (2011) vertritt die These, dass Edward de Vere, 17. Earl of Oxford der Verfasser der Dramen sei. Diese These zählt zu den jüngeren Thesen um die Autorschaft Shakespeares, da sie erstmals 1920 öffentlich vertreten wurde (von J. Thomas Looney). Dennoch zählt sie wohl bis heute zu den prominentesten Theorien um die Verfasserschaft Shakespeares: Jahr für Jahr werden neue Bücher im Stile der „Oxfordianer“ veröffentlicht.

Zu den weiteren Anwärterinnen und Anwärtern um die Verfasserschaft zählen u.a. Fulke Greville, Lord Brooke (1554-1628), der spanische Dichter Cervantes (1547-1616) oder auch Königin Elizabeth I. (1533-1603). Auch sogenannte „Gruppen-Theorien“ stehen bei einigen Forschern hoch im Kurs. Diese Theorien besagen, dass man die Person Shakespeare nicht durch eine andere Person ersetzen muss, sondern durch ein Kollektiv, also eine Gruppe von mehreren Autoren. Weitere Theorien werden zum Beispiel auf der Webseite www.doubtaboutwill.org präsentiert.

Shakespeare-Zweifel und seine Gründe

Warum hat es überhaupt Zweifel an der Verfasserschaft gegeben? Vermutlich würde niemand ernsthaft behaupten, Goethes Werke stammten nicht von Goethe. Die Anti-Stratfordianer hingegen sind eine starke Gruppe. Die Gründe für den Zweifel rühren von der schlechten Überlieferung her. Während wir bei Goethe eine Vielzahl von Zeugnissen haben, die keinen Zweifel lassen, dass Goethe der Verfasser des Faust und anderen Werken ist, haben wir von Shakespeare nur wenige gesicherte Daten. Erschwerend kommt hinzu, dass diese wenigen Daten, die wir haben, überhaupt nicht auf ein Genie von der Größe Shakespeares hindeuten wollen. So besuchte Shakespeare vermutlich nur bis zu seinem 14. Lebensjahr eine Schule, wo er eine eher rudimentäre Bildung erhielt; eine Universität dürfte der Handwerkerssohn Shakespeare mit ziemlicher Sicherheit nie besucht haben. Das Wissen, das vom komplexen Werk Shakespeares vorausgesetzt wird, lässt sich aus einer solch niedrigen Bildung folglich nicht ableiten. Shakespeare müsse demzufolge Autodidakt gewesen sein.

Auch wird oft von Anti-Stratfordianern auf die ungelenke Handschrift von Shakespeare unter seinem Testament (das überliefert ist) verwiesen. Die Handschrift sieht aus, als stamme sie von einem Menschen, der nicht sein Leben mit Schreiben zugebracht habe, sondern eher gelegentlich Tinte und Feder benutzte.

Wer hat aber nun recht? Ist Shakespeare = Shakespeare? Ist Shakespeare = Oxford/Marlowe/Bacon/Elizabeth…? Sicher ist, dass bis zum Auffinden weiterer historischer Beweise die Frage nach der Verfasserschaft Shakespeares ungeklärt bleiben muss. Alle Argumentationen für und gegen Shakespeare als Autor der Dramen und Gedichte sind daher bis zu einem gewissen Grad auch Glaubensfragen. Wie bei allen Glaubensfragen kann man sich auch agnostisch verhalten, sprich: man kann die Frage Wer ist Shakespeare? schlicht unbeantwortet lassen. Der Lektüre der Dramen tut das keinen Abbruch. Die Genialität der Dramen wird weder durch eine stratfordianische noch durch eine antistratfordianische beeinträchtigt. Die Deutsche Shakespeare Gesellschaft fasst die Frage daher richtig zusammen, wenn sie schreibt: „Selbst wenn für ‘Shakespeare’ damit vor allem die Rolle eines sinnstiftenden (und prestigeträchtigen) Etiketts bliebe, welches den Dramen angeheftet wird, kann dies ihre unbestreitbare künstlerische Qualität und ihre enorme kulturelle Wirkmacht keineswegs schmälern.“ (shakespeare-gesellschaft.de)


Bildnachweise:
William Shakespeares, Chandos-Porträt. Lizenz: lizenzfrei [Link zum Bild]
Signature of Shakspeare. Lizenz: lizenzfrei [Link zum Bild]

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5 Responses to Hat Shakespeare seine Stücke selbst geschrieben?

  1. Schönhals, Heinz-Jürgen sagt:

    Bei dem Shakespeare-Mysterium (hier die großartigen, genialen Dramen – da der einfache Handwerkersohn) hat man eine Frage bisher nicht genügend diskutiert: Warum war der Verfasser dieser grandiosen Dramen zu seinen Lebzeiten so wenig bekannt, dass kaum ein Dokument – außer solchen von banalem Inhalt – entdeckt worden ist. Zwei Dinge müssen hie genauer untersucht werden. Erstens: die Stellung des Dramas in der damaligen Zeit. Theaterstücke galten als Trivialliteratur, wurden von der literarischen Zunft nicht geschätzt. Zweitens: die schwierige Verssprache Shakespeares. Wer den Sommernachtstraum, Romeo und Julia, Othello oder Maß für Maß liest, muss bei der Lektüre oft von neuem ansetzen, um die exquisiten, mitunter ausgefallenen, komplizierten Sprachbilder und Metaphern zu verstehen. Jetzt stelle man sich einmal die damaligen Londoner Theater vor, von denen es heißt, sie seien „ein wildes Showbusiness gewesen, in dem ständig die Programme wechselten und der tobenden Menge neben aufwühlenden Tragödien Bärenhatz-Spektakel geboten wurden“ (s. FAZ vom 24. 4. 2007). Tobende Menge! Die sollen also die feinsinnige, exquisite, äußerst komplizierte Verssprache der Shakespeare-Stücke verstanden und geschätzt haben! Das ist nicht zu glauben. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass die Stücke in vereinfachter Sprache dargeboten wurden. Vermutlich hat man dann diese gewohnte (vereinfachte) Sprache auch bei den Aufführungen vor König Jakob I. beibehalten. So merkte man gar nicht, dass Shakespeare ein unerhörtes Genie war. Er fiel neben anderen Autoren nicht sonderlich auf. Sollte von den zu Lebzeiten veröffentlichten „Shakespeare-Quartos“ einmal ein dem Original nahekommender Text dabei gewesen sein – wer hat dann schon dieses Quarto gelesen? Die einfachen Leute bestimmt nicht. Die konnten weder schreiben noch lesen. Shakespeares Tochter konnte noch nicht einmal ihren Namen schreiben, sie benutzte eine Marke. Die Gebildeten lasen auch keine Dramen. Mit trivialen „Sachen“ wollten die sich nicht abgeben (Auch heute liest kein Gebildeter Romane wie „Goldelse“ oder „Bianca Maria“). Erst 1623 trat der wahre Shakespeare in der Folio – Ausgabe hervor. Aber von da ab ging es mit dem Ansehen der Theater erst recht bergab, bald darauf wurden sie sogar geschlossen. Nimmt es da Wunder, dass von dem „Trivialautor“ Shakespeare heute so wenig bekannt ist? Wer kennt schon Interessantes aus dem Leben der Romanautorinnen Marlitt, Eschstruth und Courths-Mahler? – Übrigens konnte Shakespeare, wenn er den Charakter eines Königs gestaltete, seiner fehlenden Kenntnis durch Benutzung einer Bibliothek aufhelfen. Jeder Lehrer weiß, dass er trotz Studium nicht alles wissen kann. Hat er sich z.B. mit Wallenstein nicht befasst, kann er sich durch Biographien und Handbücher nachträglich informieren.

  2. Barbara Werther sagt:

    Schade, dass hier jemand etwas zu sagen wagt, wovon er keine Ahnung hat. Es gibt unzählige Beweise, dass Will Shaksper nicht der Verfasser von Shake-speare’s Werken gewesen sein kann. Und es gibt noch mehr Beweismaterial, dass Edward de Vere die Werke geschrieben hat. Da es für Adlige z. Zt. von Königin Elisabeth I. verboten war, Dramen zu schreiben, musste sich Edward de Vere ein Pseudonym zulegen. Er wählte Shake-speare (Speerwerfer), weil er ein guter Fechter und Speerwerfer war.

    • Heinz-Jürgen Schönhals sagt:

      Zu Barbara Werther:
      Auffällig an Shakespeare ist in der Tat der eklatante Widerspruch zwischen dem Charakter des Menschen Shakespeare (soweit er bei den äußerst dürftigen Lebenspuren erkennbar wird) und dem gewaltigen, unerhört genialen Werk. Der Stratforder war offensichtlich an materiellem Gewinn und irdischen Gütern stark interessiert; siehe z.B. sein Testament: Kein Wort fällt darin über die Dramen, Sonetten, auch kein einziges über eine Bibliothek oder über Bücher, die Shaksper aus Stratford offenbar nicht besessen hat. Es ging in dem Testament ausschließlich um materielle Dinge. Seiner Ehefrau vermachte er sein zweitbestes Bett, sonst nichts! Verhält sich so ein idealischer, unsterblicher Dichter, ein Verfasser von bislang unerreichten Tragödien und Komödien? Auch sonst fiel der Stratforder in seinen späteren Jahren vorzugsweise als ein Mensch auf, den Geld und materieller Gewinn besonders interessierten: er klagte mehrere Male relativ geringe Geldsummen ein, die er verliehen hatte, er war in seiner Heimatstadt Stratford-upon-Avon offenbar ein reicher Immobilienbesitzer und skrupelloser Geschäftmann, der reich wurde, indem er Getreide hortete und damit handelte, als die Bevölkerung unter Hungersnot litt. Doch reicht das alles aus, um Shakespeare die Autorschaft abzusprechen?
      Viele andere Personen sind als Verfasser genannt worden. Die bedeutendste Theorie ist die Oxfordtheorie: Edward de Vere, Graf von Oxford, soll der wahre Shakespeare sein. Wichtigster Beleg (kein Beweis, allenfalls Indiz!) ist hier: Oxford wurde einmal in einer erlauchten Gesellschaft gefeiert und dort als „Szenen-Erschütterer = Shakes-peare bezeichnet. Auch sonst können die Zweifler an Shakespeares Autorschaft mit keinem einzigen Beweis aufwarten, während es für den Stratforder (als Verfasser der Dramen) einen ziemlich deutlichen Beweis gibt. Z.B. wurde Shakespeare in der berühmten Folioausgabe von 1623 als der „süße Schwan vom Avon“ bezeichnet, und zwar von keinem Geringeren als von dem Dichterkollegen Ben Johnson. Die Oxfordianer müssen hier kompliziert argumentieren (um nicht zu sagen: mutmaßen), um diese Aussage in ihrem Sinne zu erklären. – Alle Verfassertheorien werden übrigens von der Wissenschaft als unseriös abgelehnt.

    • Heinz-Jürgen Schönhals sagt:

      Zu Barbara Werther: Schade, dass hier jemand die Leser in die Irre führt. Von Beweisen, dass Edvard de Vere die Dramen geschrieben hat, kann keine Rede sein. Es gibt nur Indizien. Dagegen können die Stradfordianer mit einem eindeutigen Beweis aufwarten: der Zeitgenosse und Bekannte von Shakespeare, Ben Johnson, spricht „vom süßen Schwan vom Avon“, als er in der Folioausgabe von 1623 das Werk Shakespeares preist. Die Oxfordianer müssen hier äußerst kompliziert argumentieren, um diesen Beweis zu entkräften. Aber diese Argumente sind auch wieder nur Indizien, keine Beweise. Überhaupt werden uns von den Gegnern der Urheberschaft Shakespeares immer nur Indizien (sprich: Mutmaßungen) geboten, niemals echte Beweise!

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