„Dickens and London“ at The Museum of London (Ausstellung)

Ein kleiner Bericht von jenseits des Ärmelkanals. Der Schreiber dieser Zeilen ist momentan in England unterwegs und hat sich dort in Sachen Literatur umgeschaut. Im Jubiläumsjahr des großen viktorianischen Schriftstellers Charles Dickens (200. Geburtstag) gibt es natürlich eine Vielzahl von Veranstaltungen in England, die sich mit Dickens auseinandersetzen; auch hier auf literaturen.net hatten wir in den letzten Wochen immer wieder einige Artikel dem „Unnachahmlichen“ gewidmet (etwa seinen Romanen Hard Times und Our Mutual Friend, sowie seinen Weihnachtserzählungen). In London, genauer: im Museum of London gibt es zu diesem Anlass eine Ausstellung, die sich vollständig dem großen Romanschriftsteller widmet. Wir haben diese Ausstellung besucht und wollen kurz davon berichten. Da die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2012 zu sehen ist, lohnt es sich vielleicht auch für London-Sommertouristen, dort einmal vorbeizuschauen.
Grundsätzlich ist es immer etwas schwierig, Ausstellungen zu Schriftstellern zu erstellen. Anders als bildende Künstler hinterlassen Schriftsteller wenig Sichtbares. Wer etwas über Dickens lernen will, liest daher am besten seine Romane. Und dennoch ist das Museum of London auf eine gute Idee gekommen. Die Ausstellung verbindet den Schwerpunkt der Museums (nämlich: London) mit dem Leben des Autoren: „Dickens and London“. Die Spuren, die Dickens in London hinterlassen hat, sind ebenso zahlreich wie sichtbar; gleichzeitig hat London auch zahllose Spuren im Werk des Schriftstellers hinterlassen, London ist vielleicht das große Thema dieser Romane. Oder, wie das Museum es selbst beschreibt: „Charles Dickens takes us right into the beating heart of the metropolis. London was the world’s first modern city. He reveals it in all its complexity, movement and energy.“ (dt.: „C.D. führt uns geradewegs ins pulsierende Herz der Metropole. London war die erste moderne Stadt der Welt. Er zeigt sie in all ihrer Komplexität, Bewegung und Energie.“ – Übers. literaturen.net)

Das "Museum of London" beherbergt zur Zeit die Ausstellung "Dickens and London" (bis Juni 2012)

Die Ausstellung ist folgerichtig in mehrere „Kapitel“ gegliedert. Nach einer kurzen Einleitung (einem „Vorwort“ sozusagen) geht es zum Kapitel 1: „A City of Imagination“ („Eine Stadt der Imagination“). Der bewusst ambivalente Titel spielt mit dem Facettenreichtum der Beziehung Dickens und London: Hat der große Autor des literarischen Realismus eine Stadt wirklichkeitsgetreu abgebildet oder eher ein imaginiertes London beschrieben? Ist London eine Stadt, die besonders geeignet für poetische Imagination ist? Hat ein derartiger Einfluss Londons Dickens beeindruckt oder hat Dickens Imaginationskraft das viktorianische London geformt? Highlight dieses „Kapitels“ ist eine Videoinstallation, die zeitgenössische Fotografien des viktorianischen London zeigt, die ein fantastisches und doch reales London zeigen.


 

Das 2. Kapitel ist nur kurz und könnte doch unendlich lang sein: Kap. 2: „Amusements of the People.“ Es zeigt wunderschöne Plakate, die Theaterstücke ankündigen, welche auf Dickens Romanen basierten („Dick’s Standard Playbooks“). Auch ein Papiertheater, wie Dickens selbst eins besessen hat, wird gezeigt.

Das 3. Kapitel heiß „Home and Hearth“ und zeigt den häuslichen Dickens. Natürlich ist der Höhepunkt dieses Kapitels das berühmte Gemälde von Dickens: Dickens’s Dream von Robert William Buss, das bei Buss‘ Tod 1875 ebenso unvollendet geblieben ist, wie Dickens‘ letzter Roman (Edwin Drood) bei dessen Tod im Jahr 1870.

Robert William Buss (1804–1875): „Dickens’s Dream“ (1875)

Ein wundervoller Animationsfilm zu diesem Gemälde wurde eigens für die Ausstellung von Laurie Hill und Michael Zauner erstellt.

Der Name des 4. Kapitels lautet „Dickens and the Modern Age“ und handelt natürlich von der Eisenbahn, die im 19. Jahrhundert Entfernungen schrumpfen ließ und alles beschleunigte. Natürlich darf auch hier das Manuskript von Dickens Roman Dombey and Son nicht fehlen, das dem Leser v.a. durch seine zahlreichen Beschreibungen der Eisenbahn in Erinnerung bleibt (v.a. in Kap. 20 des Romans: „a shriek, and a roar, and a rattle“).

Das 5. und letzte Kapitel der Ausstellung „Dickens and London“ heißt dann auch konsequenterweise: Kap. 5: „In Life and Death.“ Dickens hatte bis kurz vor seinem Tod regelmäßig öffentliche Lesungen seiner Romane gegeben. Sein von ihm selbst entworfenes Lesepult ist in diesem Kapitel der Ausstellung zu besichtigen. Auch ein rund 18-minütiger Film „The Houseless Shadow“ von William Raban ist zu sehen.

Dieser Film basiert lose auf einem Essay von Dickens aus dem Jahre 1860: „Night Walks“ (dt.: Nachtspaziergänge). Die düstere Stimmungen dieser nächtlichen Spaziergänge durch das ausgestorbene London lassen schon etwas von dem Ende erahnen, dass Dickens Leben und die Ausstellung hier nehmen. Ehe man sich versieht, hat man den Film ein zweites Mal angesehen, hypnotisiert und in Gedanken verloren.


 

Die Ausstellung „Dickens and London“ im Museum of London ist noch bis zum 10. Juni zu sehen; Tickets kosten £8 (nur die regulären Ausstellungen in England sind gratis, Sonderausstellungen wie diese kosten Eintritt); Vorbestellung der Tickets ist zu empfehlen; das Museum befindet sich zentral gelegen und gut mit der U-Bahn erreichbar am 2 London Wall Buildings.

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