Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras

wolfgang-koeppen-tauben-im-gras-coverDer James Joyce aus Deutschland. Das sollte Koeppen in den Augen seines Verlegers Siegfried Unseld, dem damaligen Leiter des Suhrkamp-Verlages, sein. Unseld erwartete von Koeppen nichts geringeres, heißt es in einem Interview aus dem Jahre 1991 in DER ZEIT, als den deutschen Ulysses. Also eine Fassung jenes Romans von Joyce, bei dem es bis heute selbst Literaturwissenschaftlern einen gewissen Schauer über den Rücken jagt. Ein Roman, der geheimnisvoll und unnahbar erscheint, den man nicht „einfach so“ liest, dessen Lektüre vielmehr hochkonzentrierte Arbeit erfordert und den ohnehin nur eine ganz kleine geistige Elite jemals wirklich zu Ende gebracht hat. Aus verlegerischer Sicht ist es fragwürdig, warum man ausgerechnet ein kryptisches Werk von seinem Autoren erhofft, verspricht dieses doch nicht unbedingt hohe Auflage. Warum Unseld es jedoch von Koeppen erhoffte, wird klar, wenn man dessen Trilogie des Scheiterns liest, dessen erster Roman Tauben im Gras (1951) ist. Der Roman knüpft formal und inhaltlich stark an die Hochphase des literarischen Modernismus an, dem die Machtergreifung der Nazis in Deutschland ein so jähes Ende bereitete. Die geistige Verbundenheit mit den Modernisten Joyce, Woolf oder Döblin spricht aus jeder Zeile des Romans, der dennoch mehr ist, als bloße imitatio auctoris, Nachahmung eines modernistischen Stils also. Wie kein zweiter deutscher Nachkriegsautor hat Koeppen erkannt, dass die Verfahren des literarischen Modernismus für die Wiedergabe der Lebenserfahrung der Besatzungszeit bestens geeignet sind.

Die Einheiten von Raum und Zeit (häufig, wenn auch fälschlicherweise Aristoteles zugeschrieben), die die Literatur des literarischen Realismus kennzeichneten, existieren in Koeppens Roman nicht mehr. Der Roman spielt in einer nicht genau benannten süddeutschen Stadt (vermutlich München), zu einer nicht näher bestimmten Zeit, die sich mit Mühe als die der Besatzungszeit identifizieren lässt. Auch folgt der Roman nicht mehr in traditioneller Weise einem „Helden“, sondern erzählt in kurzen Episoden aus dem Leben einer Vielzahl von Stadtbewohnern. Auch wenn einige dieser Figuren häufiger als andere im Roman auftauchen, lässt sich doch nicht sagen, dass sie wie Hauptfiguren wirken, da sie auch charakterlich wenig kohärent erscheinen: Ihr Verhalten ist oft von starken Widersprüchen gekennzeichnet und ihre Handlungsweise ist häufig überraschend und unvorhersehbar. Sie folgen keinem Ideal tugendhafter Helden, sie werden am Ende des Romans auch von keinem Prinzip poetischer Gerechtigkeit für ihr Handeln belohnt oder bestraft. Es gibt auch keinen „allwissenden“ Erzähler, der das Geschehen für den Leser kommentiert oder kontextualisiert. Vielmehr springt die Erzählperspektive von Episode zu Episode zwischen den einzelnen Figuren hin und her, gelegentlich wechselt sie sogar innerhalb einer kurzen Episode mehrfach, was eine aufmerksame Lektüre erforderlich macht. Auf diese Weise ergibt sich nicht ein großes, zusammenhängendes Bild des besetzten Deutschlands; vielmehr zeigt das Bild, das Koeppen zeichnet, gerade die Zusammenhanglosigkeit, die Vielschichtigkeit und auch die Beliebigkeit dieser Epoche.

taube-im-grasUnter den Figuren, deren Perspektive die Erzählung häufiger einnimmt, erscheinen die meisten als Außenseiter. Sie zögern, sie suchen nach Sinn, sie verzweifeln. Philipp, zum Beispiel, ist ein Schriftsteller, der an einer Schreibblockade leidet. Alle erwarten von ihm einen großen Roman, doch er weiß, dass er ihn nie schreiben wird. Er ist liiert mit Emilia, die eine reiche Immobilienerbin ist, aus ihren Immobilien im verarmten Nachkriegsdeutschland jedoch kein Kapital schlagen kann. Daher trägt sie Tag für Tag ihr gesamtes Hab und Gut zum Pfandleiher, der es ihr zu Schleuderpreisen abkauft, um es anschließend teuer weiterzuverkaufen. Sie hofft, dass Philipp doch noch eines Tages seinen großen Roman schreiben werde, einen Bestseller, der es ihr und ihm ermöglichen würde, aus der Armut auszubrechen. Philipp, der um Emilias Hoffnungen weiß, flüchtet zu Beginn des Romans aus dem gemeinsam bewohnten Haus in ein Hotelzimmer. Enttäuscht vom Leben, denkt die zurückgelassene Emilia über ihre Sorgen nach: Ihre beruflichen, ihre finanziellen und ihre emotionalen. Sie fühlt sich einsam und allein, nicht gebraucht und nicht begehrt, so dass sie in einer sehr intensiv beschriebenen Szene deprimiert masturbiert:

Sie dachte an Philipp, zauberte ihn durch Denken herbei, zwang ihn in den Raum zurück […] Sie steckte einen Finger in den Mund, umzüngelte ihn, feuchtete ihn an, ein kleines Mädchen, nachdenklich, verlassen, ratlos, streichele-mich, sie nahm den Finger, spielte an sich, ließ ihn in sich eindringen und fiel in die tiefe Betäubung der Lust, die ihr, dem Tag zwar schon preisgegeben und von seinem Schein schon feindlich überschüttet, noch ein Stück innerer Nacht gewährte, eine Spanne Heimlichkeit und Liebe, ein Hinauszögern.

Während im Roman Emilia und Philipp nicht zueinander finden, gibt es eine Art Mittlerfigur zwischen beiden, wenngleich diese unwissend ob ihrer Mittlerrolle ist. Die junge US-amerikanische Lehrerin Kay, die mit ihren Kolleginnen auf einer Bildungsreise in Deutschland ist, lernt zunächst Emilia kennen, die sie in einer Bar küsst und dann später Philipp, mit dem sie in der Nacht auf sein Hotelzimmer geht. Dort denkt Philipp über Kay: „Er durfte jetzt nicht versuchen, zärtlich zu sein; er musste sie niederwerfen, wie ein Kalb im Hof des Schlächters.“

Das zerstörte häuslich-private Glück von Emilia und Philipp erscheint als Folge beruflicher Niederlagen und Unfähigkeiten. Andere Charaktere des Romans zeigen, dass der gleiche deprimierende Zustand andere Ursachen haben kann. So hat eine andere Figur, Carla mit Namen, zwar keine finanziellen Sorgen, weil sie mit einem Amerikaner zusammenlebt, der sie unterstützt, jedoch weiß sie, dass die Beziehung zu diesem Amerikaner, Washington Price, nichts Gutes für sie bereithält, da er Schwarzer ist. Sie weiß, dass die „Negersoldaten“, wie es im Roman so oft verächtlich heißt, nicht gut angesehen sind im besetzten Deutschland; dass sie aber auch in ihrer US-amerikanischen Heimat gesellschaftlich bestenfalls geduldet sind:

Nur der Zug der weißen Amerikaner führte in die Traumwelt der Magazinbilder, in die Welt des Wohlstandes, der Sicherheit und des Behagens. Washingtons Amerika war dunkel und schäbig. Es war eine Welt, so dunkel, so schäbig, so dreckig, so von Gott aufgegeben wie die Welt hier.

Und Carla entdeckt, dass sie von Washington Price ein Kind erwartet. Sie beschließt daher, das Kind abtreiben zu lassen und sucht Dr. Behude auf, dem sie häufig guten Alkohol zugeschanzt hat. Zunächst willigt Behude ein und stellt ihr eine Überweisung für das Klinikum aus. Als jedoch kurz darauf Washington Price in seiner Praxis erscheint und auf ihn einredet, ändert der Arzt seine Meinung und widerruft seine Überweisung. Carla muss in der Klinik erfahren, dass sie das Kind nicht wird abtreiben können. Sie zieht unverrichteter Dinge wieder ab. Die im Roman geschilderte Rassendiskriminierung verschärft sich durch die unverhohlen rassistischen Äußerungen und Gedanken von Claras Mutter, Frau Behrend, die auch Claras Sohn aus erster Ehe, Heinz, unreflektiert reproduziert, wenn er von Washington allein als „Nigger meiner Mutter“ spricht.

Zu diesen, teilweise sehr explizit geschilderten, sexuellen Leidenschaften, gesellt sich auch im Roman auch die Thematik von sexuellen Orgien (der Schauspieler Alexander und die Kupplerin Messalina), von Homosexualität (die Andeutung einer lesbischen Beziehung zwischen Kay und Emilia, der Mord am US-amerikanischen Schriftsteller Mr. Edwin), und Prostitution (die Strichjungen Kare, Schorschi, Sepp und Bene; die jungen Frauen, die in den sogenannten „Negerclubs“ arbeiten). Alle sexuellen Wünsche und Bedürfnisse bleiben innerhalb des Romans jedoch unbefriedigt oder führen nicht zu Erfüllung, sondern Frustration. Sie stehen metonymisch für die Lust und Lebensfreude der Nachkriegsgesellschaft, um die es Koeppen geht. Die als sinnlos empfundene Welt durchdringt alle Lebensbereiche, private, intime, berufliche, finanzielle, emotionale, familiäre und politische. Die ausgestellte Kontingenz ist die der im Titel genannten „Tauben im Gras“, die Koeppen aus dem Gedicht „From Four Saints in Three Acts“ von Gertrude Stein entnimmt:

Wir verstehen nicht mehr als die Vögel […] die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier, Hitler war ein Zufall, seine Politik war ein grausamer und dummer Zufall, vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind, die Vögel werden wieder auffliegen und wir werden weitergehen.

Wenige Texte der Nachkriegszeit sind so deprimierend wie Koeppens Roman Tauben im Gras und seine beiden Folgeromane Das Treibhaus (1953) und Der Tod in Rom (1954). Ihr von tiefer Verzweiflung geprägter Ton und ihr erschütternder Nihilismus erschreckt auch heutige Leser noch. Gerade deshalb sollte dieser Text gelesen werden. Er ist bis heute aktuell.

[Bildnachweis: Kein Titel. By byrev. Lizenz: CC0 Public Domain]

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Eine Antwort auf Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras

  1. Sabine Augen sagt:

    Hallo,

    wir haben damals im Abitur „Tauben im Gras“ als Thematik im Leistungskurs gehabt und ergänzen kann ich, dass die Technik, die Koeppen in „Tauben im Gras“ anwendet, eine primäre Rolle im Werk einnimmt. Neben der Simultantechnik und weiteren Techniken war das ein sehr spaßiges Thema.

    Liebe Grüße,
    Sabine A.

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