Twitter + Literatur = Twitteratur

Twittern ist verbreitet. Politiker twittern, Zeitungen twittern, das Fernsehen twittert, Blogger twittern, Filmstars twittern, öffentliche Einrichtungen twittern, die Schwiegermutter twittert, Spammer twittern… Es muss also korrigiert werden, nicht: Die  Spatzen pfeifen es von allen Dächern, sondern alle Spatzen pfeifen von einem Dach – und das heißt eben: Twitter. Keine Frage, wenn so promiente Menschen wie der US-amerikanische Präsident twittern (bzw. sein Wahlkampfbüro), dann muss es auch irgendwo Literatur-Gezwitscher geben. In diesem Artikel geht es also um Twitter & Literatur bzw. Literatur & Twitter. Gibt es eine eigene Twitter-Literatur (eine Twitteratur)? Welche Literaten twittern? Welche literarischen Institutionen twittern? Und welchem Literaturmenschen sollte man bei Twitter unbedingt folgen (außer mir natürlich)?

Gibt es eine Twitter-Literatur, i.e. eine Twitteratur?

Die letzten Einträge, sowie meine derzeitige Arbeit, setzen sich vorrangig mit George Eliot auseinander (wie z.B. der Artikel über Eliots Middlemarch) Und das bedeutet: seehr laange Romane.


Twitter mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen pro Tweet setzt dagegen auf die Tugenden epigrammatischer Kürze. Kürze, eine Eigenschaft, die in der Literatur in erster Linie dem Aphorismus und der Lyrik vorbehalten ist. Man sollte also meinen, dass Twitter besonders gut für Lyrik und Aphorismen geeignet ist. Gibt es also eine Twitter-Lyrik? Und Twitter-Aphorismus?

Twitterer zeigen, dass es all das gibt. 283 Beiträge beim Twitter-Lyrik-Wettbewerb im Frühjahr 2009 sprechen im wahrsten Sinne des Wortes eine deutliche Sprache.  Ein eigenes Hashtag (#twly) führt gezielt zu den lyrischen Twitter-Posts. Im englischen Sprachraum spricht man nicht von Twitteratur, sondern von Twiction. Ein Neologismus, der sich aus Twitter + Fiction zusammensetzt: Twitterfiction, eben: Twiction.

Mittlerweile kann man die Teilnahmetweets des deutschen Twitter-Lyrikwettbewerbs auch in Buchform kaufen – etwa bei libri.de. Vielleicht, um der aussterbenden Gutenberg-Generation zu zeigen, dass Literatur im Internet nicht vor die Hunde geht, sondern sich lediglich verändert…

Eine Auswahl aus den zahlreichen Beiträgen für den Twitter-Lyrikwettbewerb kann nur willkürlich wirke, aber sei’s drum: hier fünf Lyrik-Tweets zur Auswahl:

  • Ein Loch, das wächst, treibt uns umher/Es zu füllen ist sehr schwer/drum reißen wir es lieber tiefer/und freuen uns auf´s Ungeziefer (deutschpopjunge)
  • Schantal das Biest/Hart wie Madonnenkraut/klar wie kaltgepresstes Erdnussöl/zäh wie Katzenpisse/und duftend wie Bauschaum/Schantal das Biest (Schindluder)
  • Über kurz oder lang/ bin nicht bang/ im lyrischen Lendenschurz/ lang oder kurz/ ist mir schnurz/ in Kürze die Würze/ kurz die Wurz/ (Kalleomat)
  • Die Spinne, sie hört auf zu weben/Ja, blieb denn da nicht grad´ was kleben?/Tatsächlich, was ein Brummer fein/Den verleibt sie sich nun ein! (B_is_for_Brutus)
  • manchmal / tu ich so / als ob / ich / hätt / keine angst / und dann / irgendwann / vielleicht / ist das / auch / so. (SchWermut)

Man sieht schnell, dass die Twitteratur von komisch, heiter und grottesk bis hin zu schwermütig, melancholisch und sehnsüchtig reicht. Allein, die aristotelische Poetik und Twitteratur kommen nicht wirklich zusammen. Eine 140-Zeichen-Twitteratur kann nicht Anfang, Mitte und Schluss haben.

Auch wenn der Befund positiv ausfällt und man das Existieren einer Twitteratur konstatieren muss, lässt der Performance-Charakter dieser literarischen Tweets die ohnehin schon hybride Gattung zusätzlich als Zwitterwesen erscheinen: in den Wissenschaften nämlich. Medienkommunikationstheoretiker dürfen sich mit Literatur- und Theaterwissenschaftlern darum streiten, welcher Domäne die Twitteratur nun angehört. Lagerkämpfe bahnen sich an, wie es sie seit den 1970er Jahren nicht mehr gegeben hat, als man diskutierte, ob Foucault nun Kulturtheoretiker, Historiker, Philosoph oder Soziologie sei…. Kurz: Twitter ist ein Zwitter und Twitteratur hieße wohl besser Zwitteratur (das ist absichtlich so kurz formuliert, damit es auf 140 Zeichen passt, falls es mal jemand twittern will…).

Links zur Twitteratur

  • www.twiction.net.
    Twiction.net ist eine der wichtigsten Twitteratur-Seiten im englischsprachigen Raum. Enthält jede Menge Erklärungstexte und englischsprachigen Twitteraten.
  • www.twitter-lyrik.de
    Der bereits im Artikel erwähnte Twitter-Lyrikwettbewerb mit 283 Beiträgen, die mittlerweile auch in Buchform publiziert worden sind.
Dieser Beitrag wurde unter Verschiedenes veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Twitter + Literatur = Twitteratur

  1. Pingback: Literatur 2010 – Eine Jahresvorschau >> eKronshage

  2. Nachdem sich KUNO ein Jahr mit den Facetten der neuen Literaturform ‚Twitteratur‘ beschäftigt hat, ziehen wir ein Fazit: http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=22423

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.