Thackeray, Barry Lyndon

Der Roman The Luck of Barry Lyndon des Viktorianischen Autoren William Makepeace Thackeray (1811-1863) ist heutigen Lesern wohl in erster Linie durch die Verfilmung von Stanley Kubrick (1975) bekannt, die im Folgejahr vier Oscars gewann. Wer sich dem literarischen Œuvre von W.M.Thackeray zuwendet, wird wohl zuerst zu seinem bekanntesten Roman, Vanity Fair, greifen, zumal seine anderen Romane, wie Pendennis (1848-50), Henry Esmond, Esq. (1852), The Newcomes (1853-55) oder The Virginians (1857-8) heute fast nur noch Fachleuten bekannt sind und in Deutschland gar nicht mehr aufgelegt werden. Doch eine Lektüre von W.M.Thackerays Barry Lyndon lohnt sich: Der Roman ist unbeschwert, vergnüglich, zuweilen sogar etwas kurzweilig und zeigt den Autoren von seiner komischsten Seite. Die Gattung des Schelmenromans übernimmt Thackeray in Barry Lyndon gekonnt und vermengt es auf originelle Weise mit der Gattung des historischen Romans. Wir stellen den Roman Barry Lyndon von Thackeray kurz vor und bieten eine Zusammenfassung (Summary) der Handlung.


Barry Lyndon: Pikaresker Roman

Das Vorbild für Thackerays Roman waren zweifellos die berühmten Schelmenromane der spanischen (und später auch: englischen) Tradition, wie etwa der berühmte Lazarillo de Tormes von 1552 (anonym veröffentlicht) oder der Roman Moll Flanders von Daniel Defoe (1722). Die Bezeichnung „pikaresk“ geht auf das spanische Wort „el pícaro“ zurück, was sich im Deutschen sowohl mit „Gauner“ als auch mit „Schelm“ oder „Lausbub“ übersetzen lässt. Der Pikaro, Held eines solchen „Schelmenromans“, ist also ein ebenso charmanter wie durchtriebener Mensch, der durch die Lande zieht, ohne jemals sesshaft zu werden, ohne jemals eigenen Besitz zu erlangen und der für sein nacktes Überleben seinen ganzen Witz und Verstand einsetzen muss… und dabei gelegentlich das Gesetz nicht ganz so genau beachtet…

Der Held in Thackerays Roman Barry Lyndon ist in vielerlei Hinsicht ein solcher Pikaro: Er stammt aus einer verarmten irischen Adelsfamilie und zieht aus in die Welt, nachdem er einen Nebenbuhler um die Hand seiner Cousine Nora im Duell vermeintlich getötet hat. Seine Schilderungen finden im, für den Schelmenroman typischen Modus des nachzeitigen Erzählens statt: Der Pikaro blickt an seinem Lebensabend auf sein bewegtes Leben zurück und erzählt davon. Natürlich wäre er kein echter Pikaro, wenn er in seiner Lebenserzählung nicht gelegentlich ebenso von der Wahrheit abweichen würde, wie er in seiner Lebensführung vom Gesetz abgewichen ist, kurz: Er ist auch ein klassischer Fall von einem unzuverlässigen Erzähler.

Die Gattung des Schelmenromans vermischt Thackeray dabei mit der des historischen Romans, welcher den Helden in historisch bedeutsame Ereignisse einbindet, ohne dass dieser sie selber beeinflussen würde. Barry Lyndon spielt z.B. über große Strecken zur Zeit des Siebenjährigen Krieges, der zwischen 1756–1763 auf dem Europäischen Kontinent tobte. Der Held des Romans, Redmond Barry, tritt in die Dienste des Preußen-Königs Friedrich II. ein und erlebt am Rande dieses Krieges allerhand Abenteuer. Über weite Teile spielt der Roman daher auch in Deutschland und Redmond Barry reist von Berlin nach Kassel, nach Bonn, nach Frankfurt, nach Hannover und in viele andere Deutsche Städte.

Inhaltsangabe von Thackerays Barry Lyndon

Der Roman beginnt mit einer misogynen Polemik: Die Frau sei seit jeher an allen großen Unglücken der Menschheitsgeschichte beteiligt gewesen und in der Geschichte des Ich-Erzählers Redmond Barry verhalte es sich damit nicht anders: „Since the days of Adam, there has been hardly a mischief done in this world but a woman has been at the bottom of it.“ (Ch. 1) Barry stammt aus einer verarmten irischen Familie und meint schon in jungen Jahren, er sei zum Gentleman geboren. Er liebt seine Cousine Nora, die aber von einem Englischen Offizier namens John Quin umworben wird (damit ist Nora sozusagen die erste Frau in Barrys Leben, die das eingangs beschworene Unglück über ihn bringt). Barry fordert John Quin schließlich zum Duell und erschießt ihn (Ch. 2). Daraufhin muss er fliehen und verlässt sein Heimatdorf Richtung Dublin. Dort fällt der junge und unerfahrene Barry ausgemachten Ganoven in die Hände (darunter die zweite Unglücksfrau in seinem Leben, eine gewisse Madam Fitzsimons), die ihm in Kürze und mit großem Geschick sein gesamtes Geld aus der Tasche ziehen – „a false start in the genteel world“ (Ch. 3) Mittellos und heimatlos ist Barry nun ein echter Pikaro und seine Reise beginnt: Er tritt dem Militär bei und reist in Englischen Diensten auf den Kontinent (Ch. 4). Hier erfährt er unter anderem auch, dass der vermeintlich von ihm im Duell getötete John Quinn noch am Leben ist, da das Duell nur mit Platzpatronen ausgefochten worden sei; er und Nora seien nun verheiratet.

Fotografie von Thackeray

Nach einiger Zeit im Militärdienst desertiert Barry, indem er sich als sein eigener Vorgesetzter Lieutenant Fakenham ausgibt. Damit kommt er zunächst durch, doch der Schwindel fliegt natürlich rasch auf und Barry droht der Strang (Ch. 5). Doch er kommt noch mal mit heiler Haut davon, wenngleich er in den Preußischen Militärdienst verkauft wird (Ch. 6). Dort gelingt es dem 20-jährigen Barry nach einigen Abenteuern, Adjutant von Captain Potzdorff zu werden, der ihm den Auftrag erteilt, einen Fremden in Berlin, einen gewissen Chevalier de Balibari, zu bespitzeln (Ch. 7). Besagter Balibari stellt sich schon bald als Barrys Onkel heraus, der Irland vor vielen Jahren verlassen hatte (Ch. 8). Onkel und Neffe verlassen mit geschickter List Preußen und ziehen fortan gemeinsam von Spieltisch zu Spieltisch (Ch. 9), wo sie sich mit einem raffinierten Tricksystem erstmalig gewisse Reichtümer ‚erarbeiten‘ („my professional career as a gamester“, wie Barry es nennt). Natürlich muss auch bald wieder eine Frau in sein Leben treten und diesem die übliche unglückliche Wendung geben: Im Rheinischen sucht Barry nach einer guten Partie und plant, eine reiche Frau zu heiraten, des Geldes und nicht der Liebe wegen, versteht sich: „It was her estate I made love to.“ (Ch. 10) Er wird fündig in der Gräfin Ida, doch sein ausgefeilter Plan, ihre Hand zu erwerben scheitert schließlich, als der ausgeschaltete Nebenbuhler in den (vermeintlichen) Mord an einem Geldverleiher verwickelt wird und man Barry und seinen Onkel fortan unter scharfer Beobachtung hält und letzten Endes auch des Landes verweist (Ch. 11 und 12). Eine weitere Frau tritt in Barrys Leben, Lady Lyndon (Ch. 13), die verheiratet ist mit dem sterbenskranken Sir Charles Lyndon. Als dieser tatsächlich verstirbt, beginnt Barry, um Lady Lyndon zu werben; doch als diese ihn zurückweist, greift er zu drastischeren Methoden der Erpressung und Bestechung, bis sie schließlich einwilligt, seine Frau zu werden (Ch. 16).

Ab hier liest sich der Rest des Romans als Bericht eines Verfalls. Redmond Barry, der sich ab jetzt den Titel seiner Frau zulegt und sich Barry Lyndon nennt, liegt in ständigem Ehestreit mit seiner Frau und deren Sohn aus erster Ehe. Er zieht mit ihr nach Irland, wo er mit großem finanziellen Aufwand das alte Familienanwesen wieder herrichten lässt und schnell wird dabei deutlich, dass Lyndon jede Kontrolle über seine Ausgaben verloren hat: „I am, indeed, one of those born to make, and not to keep fortunes.“ (Ch. 17) Trotz einiger Erfolge im privaten wie beruflichen Leben (darunter die Geburt seines Sohnes Bryan sowie Lyndons Wahl zum Abgeordneten), verschlechtert sich die Situation immer weiter, so dass Kapitel 18 berichtet, wie „my good fortune begins to waver.“ Immer häufiger greift der Erzähler die misogyne Polemik des ersten Kapitels auf und hofft, dass seine Memoiren andere Männer von der Ehe abhalten werden. Trotz offensichtlicher Fehlverhalten (Trunksucht, Misshandlung seiner Frau, Verschuldung, Spielsucht) und harscher Kritik durch seine Umwelt, sieht Lyndon die Schuld an seiner Situation ausschließlich bei seiner Frau. Er verliert schließlich sein Mandat, er verliert seinen Sohn Bryan, der bei einem Reitunfall ums Leben kommt (Ch. 18) und endet schließlich derart verschuldet, dass nur noch der gute Name seiner Frau seine Existenz sichert: „Had she left me I was ruined the next day.“ Seine Frau schmiedet in der Tat Pläne, ihren Mann, den sie mit Caliban aus Shakespeares The Tempest vergleicht, zu verlassen. Nachdem es Lyndon gelungen ist, einige dieser Pläne zu vereiteln, schafft sie es letztlich doch, ihn in eine Falle zu locken und in London zu verlassen (Ch. 19)

Screenshot aus Barry Lyndon (1975): Redmond Barry, Nora, John Quin (v.l.n.r.)

Am Ende (Ch. 19) landet Barry Lyndon im Fleet Gefängnis, in dem v.a. Schuldner inhaftiert waren. Die Erzählung ist in der Gegenwart des Erzählens angekommen, es wird klar, dass Lyndon im Gefängnis sitzend die Memoiren, die den Roman Barry Lyndon ausmachen, aufschreibt. Am Ende stirbt er dort in geistiger Umnachtung, wovon uns der Herausgeber des Romans unterrichtet, der zum Schluss noch einige Bemerkungen über die ‚Moral von der Geschicht‘ hinzufügt: „If the tale of his life have any moral (which I sometimes doubt), it is that honesty is not the best policy.“ (Ch. 19)

Barry Lyndon: Thackeray vs. Kubrick

Nach der kurzen Inhaltsangabe dürfte schon der Hauptunterschied zwischen Thackerays Roman Barry Lyndon und Stanley Kubricks gleichnamigem Film klar sein: Während Barry im Roman seine Geschichte als Ich-Erzähler selbst erzählt, wird sie im Film in der 3. Person erzählt. Ein Erzähler aus dem Off (Voiceover) erzählt parallel zu den Bildern die Geschichte von Barry. Dadurch muss der Film andere Wege finden, die Ironie des Romans zu transportieren. Während im Roman die Unfähigkeit zur Selbstkritik aus den von Barry selbst geschilderten Ereignissen ersichtlich wird, muss der Film hier mit filmischen Mitteln operieren. Dazu zählen v.a. die z.T. unnatürlich langen Einstellungen und die wiederholt eingesetzten Zooms: Fast jede Szene beginnt mit einem Close-Up und zoomt von diesem heraus in eine Totale, die das ganze Panorama der Szene einfängt. Auf diese Weise werden die unnatürlich stark herangezoomten Gegenstände mit einer Schwere der Bedeutung aufgeladen, die sie innerhalb der Erzählung nicht einlösen können, wie etwa die Duellpistolen Barrys, die, wie sich später herausstellt, nur Platzpatronen enthielten. Verstärkt werden diese filmischen Ironiesignale zudem noch durch eine oft sehr prominente, aber gleichzeitig auch äußerst unpassende musikalische Unterlegung: Der barocke Pathos einer Händel-Sarabande steht so in krassem Gegensatz zu der impotenten Witzfigur von John Qu-in und der metaphorischen Impotenz von Barrys Duell-Pistole.


Bibliographie:
Stanley Kubrick, Barry Lyndon (1975)
W.M.Thackeray, Barry Lyndon (1844)

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