Literaturnobelpreis 2009

Heute abend entscheidet sich mit dem Man Booker Prize der vielleicht wichtigste Literaturpreis für einen Roman (wenn auch nur in der englischsprachigen Welt). Aber ein anderer bedeutender Literaturpreis wird diese Woche verliehen: die Schwedische Akademie (Svenska Akademien) in Stockholm verkündet den Literaturnobelpreisträger (bzw. die Literaturnobelpreisträgerin) 2009. Genauer: am kommenden Donnerstag, dem 8. Oktober 2009, um 13 Uhr. In den letzten Jahren hat der Nobelpreis in Literatur wieder verstärkt für Furore gesorgt. Die Preisträger waren alles andere als unumstritten und manch einer stichelte bereits, es sei keine Ehre mehr den Preis zu erhalten, als vielmehr ein vernichtendes Urteil über die eigene schriftstellerische Qualität.


Sully Prudhomme ist ein heutzutage völlig in Vergessenheit geratener Autor, der 1901 den allerersten Literaturnobelpreis in Empfang nahm. Es folgten weitere Autoren, die heute keiner mehr kennt. Für Deutschland z.B. Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908) oder Paul Heyse (1910). Die ersten Schwergewichte in der langen Liste der Preisträger sind Autoren wie Rudyard Kipling (1907), Selma Lagerlöf, Gerhart Hauptmann, William Butler Yeats, Thomas Mann oder der momentan viel diskutierte Knut Hamsun. Die Liste der Autoren, die den Preis NICHT erhalten haben, ist jedoch um einiges länger: James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust oder Franz Kafka. Diese Autoren gehören ohne den geringsten Zweifel zu den wichtigsten Schriftstellern des frühen 20. Jahrhunderts, einen Nobelpreis haben sie jedoch nie erhalten.

Doch nicht nur die ersten Jahre des wichtigsten internationalen Literatur-Preises sind überschattet von fragwürdigen Entscheidungen, auch die vergangenen Jahre wurden immer wieder sehr kontrovers diskutiert. Vom Preisträger des vergangenen Jahres hatten wirklich nur die allerhartgesottensten Literatur-Pioniere etwas gehört, die jede Neuveröffentlichung sofort lesen: Jean-Marie Gustave Le Clézio nahm den Preis für Frankreich entgegen. Im Jahr davor Doris Lessing, die dieses Jahr 90 jahre alt geworden ist und damit so gar nicht das Diktum von Alfred Nobel, dem Stifter des Preises, erfüllt, der Welt im vergangenen Jahr [sic!] den größten Nutzen erwiesen zu haben. Harold Pinter (2005), so heißt es hinter vorgehaltener Hand, habe den Preis auch mehr für sein mutiges Engagement gegen den Irak-Krieg erhalten, als für seine schriftstellerischen Leistungen – diese datieren nämlich zum größten Teil auf die 1970er und 1980er Jahre. Bei der Auszeichnung der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek kam es zum Eklat – innerhalb und außerhalb der Schwedischen Akademie. Der Schriftsteller Knut Ahnlund formulierte spitz: „Nach Jelinek ist der Preis ruiniert„.

Dabei hatte das 21. Jahrhundert gar nicht so schlecht begonnen. Bei der Verleihung des Preises an die Schriftsteller Imre Kertész, V.S. Naipaul und besonders J.M.Coetzee herrschte die fast einstimmige Ansicht vor, es habe genau die richtigen getroffen. Bei der Pressekonferenz 2003 gab es bei der Nennung von Coetzees Namen erstmalig auch spontanen Beifall. Der Südafrikaner (mittlerweile mit australischem Pass) galt lange Zeit als DER Anwärter auf den Preis. Auch in den 1990ern hatte der Preis einiges von seinem Glanz zurückgewonnen, als er verdiente Autoren wie José Saramago, Toni Morrison, Nadine Gordimer oder Günter Grass auszeichnete.

Die Entscheidungen über den Literaturnobelpreis werden Jahr für Jahr heftig diskutiert. Und es steht zu erwarten, dass das in diesem Jahr nicht anders sein wird. Ob 2009 einer von der langen „Liste der Ewigen Verlierer“ doch noch den Preis bekommt, bleibt abzuwarten. Lang genug ist die Liste jedenfalls. Milan Kundera, Philip Roth, Umberto Eco, John Irving oder auch Michel Houellebecq sind seit langem Teil dieser Liste. Auch wird oft diskutiert, ob man nicht verstärkt jüngeren Autoren wie Richard Powers (*1957), Jonathan Franzen (*1959) oder Jeffrey Eugenides (*1960) den Preis übergeben sollte. Vermutlich erhält den Preis jedoch mal wieder ein Autor, den keiner so richtig auf dem Radar hat. Die Schwedische Akademie scheint zu Entscheidungen zu neigen, die bewusst Erwartungen widersprechen – ganz so, als ginge es darum, nicht besonders gute, sondern besonders exotische Autoren zu prämieren.

Wir blicken also wie jedes Jahr gespannt nach Stockholm.
Termin: Donnerstag, 08. Oktober 2009, 13:00 Uhr. Auch zu verfolgen auf der Webseite der Svenska Akademien.

Quellennachweis: „nobelphoto„, by niznoz, via flickr.com [Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0]

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5 Antworten auf Literaturnobelpreis 2009

  1. HaPeVau sagt:

    Lustiger Artikel von Maxim Biller in der SZ, über den Nobelpreis. Dass die Frankfurter sich freuen: „Juhu, den haben wir im Programm“, bis sie eine Schrecksekunde später realisieren „Verdammt, aber nicht dabei!“ – Besser könnte man es nicht formulieren, denn es trifft mittlerweile ja nur noch Leute, die garantiert niemand auf dem Nobelpreis-Radar hat.

  2. Kashmir sagt:

    ich wette 5 euro, dass es weder roth, noch irving, noch kundera noch eco sein wird. tippe eher auf einen autoren, der in deutschland nur über print-on-demand verfügbar ist (was die buchhändler auf der messe ärgern dürfte…)

  3. Polls installieren! sagt:

    hey, „ekronshage“. sie müssen unbedingt in so einem artikel polls freischalten!! dann kann man heute nach 13 uhr abstimmen, ob der oder die richtige den literaturnobelpreis bekommen hat.

  4. sprachrausch sagt:

    ich glaube ja, daß BOB DYLAN den nobelpreis für literatur bekommen wird. DAS wäre dann endlich mal eine sowohl mutige als auch nachvollziehbare entscheidung und vielleicht DIE chance für die schwedische akademie, sich zu rehabilitieren.

  5. jensemann sagt:

    ähm hallo? wurde in diesem artikel nicht irgendwer vergessen? thomas pynchon vielleicht?! der bekommt den preis doch nur nicht, weil man 100% weiß, daß er nicht zur verleihungsfeier kommen würde. ehrlich, der nobelpreis für literatur war noch nie was besonderes und wird es auch nicht mehr werden. daß er überhaupt noch so wichtig ist, liegt nur daran, dass er mit 10 mio schwedischen kronen nach wie vor der höchstdotierte literaturpreis der welt bleibt (für den booker gibt’s ja „nur“ 50.000 pfund sterling).

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