James Joyce, „A Portrait of the Artist as a Young Man“ (1916)

James Joyce, Fotografie1. Einleitung:
„The Egoist. An Individualist Review.“ – So lautet der Titel der zunächst zweiwöchentlich erscheinenden literarischen Zeitschrift in der der Roman von James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man (PotA) in den ersten Kriegsjahren 1914-1915 erschien (ab 1915 erschien die Zeitschrift erst einmal monatlich, bis sie im Dezember 1919 schließlich eingestellt wurde). 1916 wurd PotA dann schließlich in Buchform veröffentlicht. Diese Zeitschrift war im Grunde eine Fortsetzung von „The Free Woman: A Weekly Feminist Review“, die ab 1911 maßgeblich von Dora Marsden herausgegeben wurde. Als 1914 Ezra Pound zu den Herausgebern hinzustieß (die Zeitschrift hatte in der Zwischenzeit von rein feministischen Themen (Stichwort: Suffragettentum) auf allgemeinere gesellschaftliche Fragen und Probleme umgesattelt) wurde die Zeitschrift in „The Egoist“ umbenannt. Unter seinem Einfluss wurden vor allem moderne junge Literaten veröffentlicht, darunter (neben Pounds eigenen Werken) vor allem T.S. Eliot, D.H. Lawrence und eben James Joyce.


Die Bedeutung intellektueller Magazine zur damaligen Zeit kann nur schwerlich unterschätzt werden. Die im gleichen Jahr wie „The Egoist“ gestartete Zeitschrift „Blast“ (Herausgeber Wyndham Lewis unter starker Mitarbeit von Pound), die es nur auf zwei Ausgaben brachte, veröffentlichte beispielsweise erstmalig Auszüge aus Ford Madox Fords Roman The Good Soldier.
81 Jahre nach Veröffentlichung von PotA veröffentlicht J.M.Coetzee den ersten Teil seiner Autobiographie, Boyhood (fortgesetzt fünf Jahre später in Youth). Die Ähnlichkeit beider Texte ist frappierend. Beide Romane enthalten klare autobiographische Züge; beide Romane sind Bildungsromane, die den Werdegang eines Jungen aus der kulturellen Provinz (Joyces Irland, Coetzees Südafrika) zum Künstler beschreiben; beide Autoren schreiben ihre Autobiographie in der dritten Person (wobei Joyce seinem Helden einen anderen Namen gibt, während Coetzee seinen Namen beibehält); beide Romane haben verwandte Themen (Entdeckung und Bewertung von Sexualität; intellektueller Werdegang; Außenseitertum etc.) uvm. Es wäre lohnenswert, diese beiden Romane direkt miteinander zu vergleichen (was ich tun werde, sobald ich meinen Eintrag zu Coetzees Roman fertig habe).

2. Inhaltsangabe:
Die Autobiographie geht streng chronologisch vor; beginnend mit Stephen im Säuglingsalter (~1882) über den Schüler Stephen (~1891) bis hin zum Studenten Stephen, der beschließt, die Universität zu verlassen (27. April 1904). In den fünf Kapiteln werden in etwa die einzelnen Stationen in Stephens Leben gezeigt. In Kapitel 1 sind es vor allem drei Ereignisse, die Stephen beschäftigen. Zum einen die ihm unverständlichen Erlebnisse seines Säuglings- und Kleinkindalters (Stephen als „baby tuckoo“); dann seine Erlebnisse in der Schule (Clongowes College), wo er, der Außenseiter, von einem Mitschüler in eine Schlammpfütze geworfen wird, daraufhin an einem Fieber erkrankt – als er gerade im Begriff ist, zu rekonvaleszieren, stirbt Charles Stewart Parnell, irisch-nationaler Politiker, was zum dritten wichtigen Ereignis führt: dem desaströsen Weihnachtsessen, während dessen es zu einem großen Streit zwischen Mr John Casey, einem Freund von Stephens Vater, und „Dante“ (Mrs. Riordan), der Gouvernante der Dedalus-Kinder, kommt; Streitpunkt ist der verstorbene Parnell, der in Casey einen glühenden Verehrer und in Dante ob seiner Affäre mit einer verheirateten Frau eine scharfe Kritikerin hat.

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Später zieht Familie Dedalus aus finanziellen Gründen in die Stadt Dublin um, wo man den begabten Stephen auf die Tagesschule „Belvedere“ schickt. Hier brilliert er nicht nur als Schultheater-Schauspieler, sondern hat ebenfalls seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Dubliner Prostituierten (was natürlich innere Konflikte in ihm auslöst, da sich diese „Untugend“ nicht mit seiner katholischen Erziehung vereinbaren lässt). Aber als Stephen schließlich einer flammenden Predigt zuhört, schwört er sich, zu seinem christlichen Glauben zurückzukehren. Nach einer Zeit der strengen religiösen Askese und der kurzzeitigen Erwägung, das Priesteramt zu ergreifen, hat Stephen ein Schlüsselerlebnis, als er am Strand spazieren geht und ein Mädchen im Wasser waten sieht. Dieser epiphanische Augenblick (von denen es bei Joyce einige gibt) lehrt Stephen, dass er das Leben in vollen Zügen genießen soll und er nimmt sich vor, das auch zu tun, uneingeschränkt von Nationalität, Glauben und Familie. Als er schließlich an der Universität akzeptiert wird verschärft sich die Entfremdung zwischen ihm und seiner Familie zusehends. Vorletzter Satz des Romans ist ein Satz aus Stephns Tagebuch und lautet:

„Welcome. O life! I go to encounter for the millionth time the reality of experience and to forge in the smithy of my soul the uncreated conscience of my race.“ (Joyce 253).

Am Ende steht Stephens Entschluss, Irland zu verlassen und nach Paris zu ziehen, um sich seiner schriftstellerischen Karriere zu widmen, fest.

3. Themen des Romans:
A Portrait of the Artist as a Young ManAus der Vielzahl von Themen greife ich wie gewöhnlich einige heraus, die ich hier aufliste und widme mich anschließend einem Thema etwas genauer:

  • Sprache und Wörter: Gerade in den Kapiteln über seine Kindheit wundert sich Stephen immer wieder über die Bedeutung bestimmter Wörter (smugging, z.B.) und darüber ob bestimmte Laute ebenfalls Bedeutung haben („suck“, „kiss“, „puck, pack, pock“). Ebenfalls hat Stephen eine Obsession mit seinem Namen, den er ständig in (Schul-)Bücher schreibt, als müsse er, um seinen Platz in der Welt zu finden, vor allem die sprachliche Beschaffenheit dieser Welt verstehen). Ferner gibt es immer wieder Momente, in denen Stephen die Macht von Sprache und gekonnter Rhetorik versteht (Predigt-Szene). Eine der stilistischen Meisterleistungen des Romans besteht darin, jeder Entwicklungsphase von Stephens Bewusstsein eine eigene Sprache zu verleihen – von der kindlichen Sprache des „baby tuckoo“ (Joyce 19) bis hin zur adoleszenten Sprache in Stephens Tagebuch, mit dem der Roman schließt.
  • Sexualität: Grob gesagt werden vor allem die im Roman recht freizügig geschilderten sexuellen Erlebnisse immer wieder im Kontrast zu der konservativen Sexualmoral des irischen Katholizismus bewertet. Auch hier spielen einzelne Wörter (wie z.B. das bereits erwähnte „smugging“) eine Rolle.
  • Literatur: Die häufigen Zitate spielen immer wieder auf bestimmte literarische Helden und Antihelden an. Stephens konstante Auseinandersetzung mit Lyrik und Prosa (so wie deren Abwiegen gegeneinander, was sehr an Coetzees Youth erinnert). Auch beginnt der Roman mit der vielleicht klassischsten literarischen Formel: „Once upon a time..“ (Joyce 19).

3.1 Kastrationsangst:
James JoyceFreuds berühmter Aufsatz „Das Unheimliche“ erschien zwar erst einige Jahre nach der Veröffentlichung von Joyce Roman, aber dennoch scheinen einige Motive, die Freud an Hand eines anderen literarischen Textes, nämlich E.T.A.Hoffmanns Der Sandmann herausarbeitete auch im Portrait of the Artist vorhanden zu sein. Bei Hoffmann hat es der Wetterglashändler Coppelius (Coppola) in der Fantasie des Helden Nathanaels auf dessen Augen („Ha! Sköne Oke – Sköne Oke“) abgesehen. Freud zufolge erregt die Vorstellung des Herausreißens der Augen eine verdrängte Kastrationsangst. Ohne im Detail auf Freuds sehr schlüssige Analyse eingehen zu können, möchte ich im Folgenden in einigen kurzen Auszügen auf das Motiv der Augen, des Blicks und des Verlustes der Augen eingehen.
Immer wieder zeigt uns der Roman bestimmte Gegenstände oder häufiger noch Körperteile in Nahaufnahme; das „hairy face“ (Joyce 19) seines Vaters, „the brushes“ in Dantes Kleidern (Joyce 20), oder „Nasty Roche’s […] hands“ (Ibid.) Gleich zu Beginn soll der kleine Stephen sich für eine Unartigkeit entschuldigen, und Dante verschärft diese Aufforderung noch in dem sie sagt (singt?):

„O, if not, the eagles will come and pull out his eyes.

Pull out his eyes
Apologise
Apologise
Pull out his eyes.

Apologise
Pull out his eyes
Pull out his eyes
Apologise.“ (Joyce 20)

Diese Androhung seiner Erzieherin, ihm die Augen auszureißen, wenn er ungesühnt Unrecht begehe, verbindet sich für Stephen mit der Kastrationsangst, die Freud beschreibt. Nachklänge davon lassen sich besonders deutlich in der Szene finden, als er zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hat – mit einer Prostituierten. Die moralisch-religiöse Erziehung meldet sich zu Wort und verkehrt den eigentlich sinnenfreudigen Geschlechtsakt in etwas Verwerfliches. Seine katholische Moral ist in diesem Fall eine tatsächliche Kastration, die Stephen zumindest der Fähigkeit beraubt, den sexuellen Akt vollkommen zu genießen. Nicht zufällig ist es die mit dieser Form von Erziehung verbundene Dante, die immer wieder eine klare Augen-Metaphorik in ihren Droh- und Wut-Reden einbaut, wie z.B. auch beim Weihnachtsessen, wenn sie Mr. Caseys Begeisterung für den in ihren Augen sündigen Parnell mit der Verteidigung der irischen Priesterkaste verbindet indem sie sagt, diese seien

„the apple of God’s eye. Touch them not, says Christ, for they are the apple of My eye.“ (Joyce 49).

Mit diesen wütenden Reden treibt sie sofort Tränen in die Augen von Stephens Vater: „his father’s eyes were full of tears“ (Joyce 50).
Kurz: der Roman bietet eine Vorwegnahme der Freudschen Interpretation der Kastrationsangst, die sich im Herausreißen der Augen dargestellt sieht.

4. Bibliographie:
Primärliteratur:

  • Joyce, James: A Portrait of the Artist as a Young Man. New York: Signet Classics 2006.

Sekundärliteratur:

  • Lewis, Pericles: The Cambridge Introduction to Modernism. New York: Cambridge University Press 2007.
  • Kronshage, Eike: „A Portrait of the Artist as a Translator. On James Joyce’s translation of Gerhart Hauptmann’s Vor Sonnenaufgang.“ In: Yale Modernism Lab, 2008.

Zu den Zeitschriften:

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2 Antworten auf James Joyce, „A Portrait of the Artist as a Young Man“ (1916)

  1. Jonas sagt:

    Danke für den Artikel über Joyce und Portrait of the Artist as a Young Man. Vor allem der Aspekt der Kastrationsangst bei Joyce war mir neu, allerdings fand ich die Idee so luzide argumentiert, dass ich mich wundere, nicht von selbst darauf gekommen zu sein. Stephen hat WIRKLICH Kastrationsangst, das ist ja vollkommen klar. Durch die Lektüre dieses Artikels habe ich wirklich wieder Lust auf eine psychoanalytische Lesart bekommen. Vielen Dank – und hoffentlich geht’s hier bald weiter mit Joyce Ulysses.

  2. Pingback: Literatur Nobelpreis

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