Henry Rider Haggard: Sie (1887)

Sir Henry Rider Haggard (im englischen Raum besser als „H. Rider Haggard“ bekannt) kann als einer der Urväter des Abenteuerromans gelten und eindeutig als geistiger Vater moderner Abenteurer-Figuren wie beispielsweise Indiana Jones (der letztlich nur ein Nachfolger von Haggards Figur des Allan Quatermain ist). Seine zahlreichen Romane sind heute nicht mehr allesamt bekannt, jedoch ist der Ruhm eines Romans von Rider Haggard bis auf den heutigen Tag nicht verblasst, der Roman Sie (engl.: She; in Deutschland oft auch mit Untertiteln wie „Roman aus dem dunkelsten Afrika“ oder „Fantastischer Abenteuerroman“ vertrieben). Der Roman hat seit jeher prominente Bewunderer gehabt, wie etwa C.G. Jung, Henry Miller oder auch J.R.R. Tolkien, aber gleichzeitig auch erbitterte Kritiker, wie einen frühen Kommentatoren namens Augustus Moore, der den Erfolg von Sie als „ein schlechtes Zeichen für die englische Literatur und den englischen Geschmack“ wertete. Auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung wird der Roman äußerst kontrovers diskutiert, besonders in den Bereichen postkolonialer und feministischer Forschung. Ein Roman, der so die Meinungen spaltet hat zumindest eines ganz sicher: Sprengkraft – und dieser Sprengkraft möchte unser Artikel nachgehen.

Rider Haggard: Sie – Inhaltsangabe

Zunächst wollen wir eine kurze Inhaltsangabe und Zusammenfassung von Rider Haggards Sie geben. Der Roman wird erzählt von Horace Holly, einem Professor an der Universität Cambridge. Hollys hervorstechendsten Merkmale sind seine außerordentliche Hässlichkeit, sowie seine ausgeprägte Misogynie. Der junge, 20-jährige Holly wird eines Abends von seinem (einzigen) Freund, Vincey mit Namen, besucht, der ihm eine atemberaubende Geschichte über seinen (Vinceys) Stammbaum erzählt, der zurückgeht bis auf einen antiken Griechen mit Namen Kallikrates, also in etwa: „der durch Schönheit Starke“ – und somit eine ziemliche Gegenfigur zum hässlichen Holly. Besagter Kallikrates habe im 4. Jhd. v.Chr. gelebt und seine Familie lasse sich lückenlos bis auf diesen Ahnherren zurückführen. Gleichzeitig übergibt Vincey seinem Freund Holly eine Kiste und ringt ihm das Versprechen ab, nach seinem Tod seinen Sohn Leo zu sich zu nehmen und ihm diese Kiste an dessen 25. Geburtstag zu übergeben. Holly verspricht es und am nächsten morgen ist Vincey tot.

H. Rider Haggard: SIE (Buchcover)

Die Jahre vergehen und Leo, der bei Holly aufwächst, wird 25. Die Kiste wird geöffnet und darin finden sich geheimnisvolle Hinweise auf eine „schöne weiße Frau, die über alles Lebende und Tote Macht haben solle.“ Holly und Leo beschließen, nach dieser Frau zu suchen, bemannen ein Schiff und reisen nach Afrika. Dort geraten sie in einen Sturm, der das Schiff und beinahe die gesamte Mannschaft untergehen lässt, doch können sich Holly, Leo, deren Diener Job und der Araber Mahomad aus der Besatzung an Land retten. Sie ziehen ins Landesinnere in die Richtung, die die Dokumente in der Kiste beschreiben, werden aber von „Wilden“ gefangengenommen, den Amahagger. Die Abenteurer werden jedoch freundlich von den Amahagger aufgenommen, deren weiße Königin ihnen befohlen hatte, sie zu schonen. Eine Frau aus dem Volk der Amahagger, Ustane, verliebt sich in Leo und er sich in sie. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu „Sie“, der Königin des Volkes, die entfernt in einem Berg lebt.

Unterwegs erkrankt Leo an Malaria und nur mit Mühe erreicht man den Ort, an dem „Sie“ lebt. Der bewusstlose Leo kann nicht mit „Sie“ sprechen, so dass zunächst Holly alleine bei ihr vorspricht. Sie ist stets verhüllt und zeigt ihr Gesicht nicht. In der Unterhaltung wird Holly klar, dass „Sie“ (die mit richtigem Namen Ayesha heißt) über 2000 Jahre alt ist und aus Eifersucht Leos Vorfahren Kallikrates erstach und nun auf die Rückkehr von dessen reinkarnierter Seele wartet. Sie heilt Leo mit ihrer Macht, nachdem „Sie“ in ihm ihren wiedergeborenen Kallikrates erkannt hat, tötet dann jedoch aus Eifersucht Ustane. Leo ist deshalb anfangs gegen Ayesha eingenommen, doch als sie sich ihm unverschleiert zeigt, entbrennt Leos Liebe zu ihr ob ihrer überirdischen Schönheit.


Ihr Plan sieht vor, auch Leo die Unterblichkeit zu schenken, ihn dann zu heiraten und mit ihm nach England zu gehen, um dort die Engländer mit ihrem Wissen und ihrer Macht zu unterwerfen. Gemeinsam mit Holley und Job machen sie sich auf zu einem geheimen Ort, wo die Flamme des Lebens brennt, in der Leo baden solle, um Unsterblichkeit zu erlangen. Nach zahlreichen Abenteuern gelangen die vier zur Höhle und sehen die Flamme. Als Leo zögert, schlägt „Sie“ vor, selbst hineinzutreten, damit er sieht, dass er nichts zu befürchten hat. Als „Sie“ jedoch in die Flammen tritt, setzt plötzlich bei ihr eine rapide Alterung ein und sie stirbt fast augenblicklich. Holly, der Erzähler, spekuliert über die Gründe dafür und vermutet, dass kein Sterblicher zwei Mal in der Flamme des Lebens baden könne. Verunsichert treten Holly und Leo den mühevollen Rückweg an und schaffen es nach langen Monaten der Abenteuer, zurück nach England zu gelangen, wo Holly sich an die Niederschrift seiner Erlebnisse macht…

Sie: Interpretationsansätze

Der Roman Sie hat viele verschiedene Interpretationen und Lesarten provoziert. Gerade in der feministischen Forschung wurde Rider Haggards Sie als eine Darstellung männlicher Angst vor weiblicher Macht gesehen. Der misogyne Holly verfällt der wunderschönen Ayesha mit Haut und Haaren und fällt vor ihr auf die Knie. Auch Leo, zu Beginn noch erzürnt über Ayesha, kann ihrer Macht nicht widerstehen. Ayesha, Sie-der-man-gehorchen-muss (engl.: „She-who-must-be-obeyed“), repräsentiert eine absolute, unüberwindbare weibliche Macht. Aus Sicht des Ich-Erzählers Holly ist diese Macht jedoch eine unheimliche und beunruhigende Macht, der der rationale Cambridge-Professor nur ungerne nachgibt. Ayesha ist eine „femme fatale“, die männliches sexuelles Verlangen erweckt und dabei männliche Autorität vollends untergräbt.

Verfilmung von Rider Haggards SIE (Regie: Robert Day, 1965)

Ferner ist Ayesha als Araberin (und sogar als „al Arab al Ariba, eine Araberin der Araber, aus dem Geschlecht unseres Vaters Yárab„) auch rassisch konnotiert. Dass sie vorschlägt, England zu erobern kann als westliche Angst vor Fremdeinflüssen gelesen werden. Die britische Kolonialmacht sah sich am Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker mit der Frage der eigenen vs. der fremden Kultur konfrontiert. Die daraus resultierende Sorge um eine ungewollte Aufweichung der eigenen kulturellen Identität, zeigt sich durchaus darin, dass Holly und Leo in den langen Monaten in Afrika keinen der dort üblichen Bräuche annehmen und selbst die körperlichen Veränderungen, die ihnen dort widerfahren (das Ergrauen von Leos Haaren), gehen zurück, sobald die beiden wieder englischen Boden unter ihren Füßen haben…

Zu guter Letzt lässt sich Sie auch als Hommage an Königin Victoria lesen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von Sie ihr Goldenes Thronjubiläum feierte und die, ähnlich wie Ayesha, einem lange verstorbenen Mann nachtrauerte (ihrem Gemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha). Als Ayesha vorschlägt, England zu unterwerfen und die englische Königin zu stürzen, widersetzen sich ihr Leo und Holly erstmals und Ayesha bemerkt erstaunt: „Wie seltsam – eine Königin, die von ihrem Volk geliebt wird!“ Was Rationalität, Frauenliebe, Frauenhass und männlicher Stolz nicht vermocht hatten – sich Ayesha zu widersetzen – vermag, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Loyalität zu Queen Victoria.


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