Hans Scherfig, Der versäumte Frühling [Det forsømte forår] (1940)

det-forsommte-foraar-hans-scherfigDer dänische Satiriker Hans Scherfig ist hierzulande nicht besonders bekannt, während viele seiner Romane in Dänemark zur Schullektüre zählen. Die deutschen Übersetzungen von Scherfigs Texten sind größtenteils vergriffen und nur noch antiquarisch zu beziehen, der Verlag, der einige Titel Scherfigs veröffentlicht hatte, führt sie nicht mehr im Programm (Grafit Verlag). Das mag unterschiedliche Gründe haben. Zum einen wird skandinavische Literatur in Deutschland ohnehin kaum rezipiert (von der Flut skandinavischer Thriller- und Kriminalromane einmal abgesehen). Selbst große dänische Autoren und Nobelpreisträger wie Johannes Vilhelm Jensen, Henrik Pontoppidan oder Jens Peter Jacobsen werden in Deutschland nur selten beachtet oder fristen allenfalls ein Dasein als Fußnote in Büchern über heimische Dichter, wie etwa Rilke, der von Jacobsen sehr stark beeinflusst war. Ferner lassen die Romane Scherfigs seine sozialistischen Überzeugungen erkennen, was seiner Rezeption in der Bundesrepublik nicht unbedingt zuträglich gewesen ist. Dass sie jedoch nur ein marginales, auf Dänemark beschränktes Leseinteresse wecken könnten, ist hingegen von der Hand zu weisen: Es gibt in Scherfigs Romanen wenig, das „rein skandinavisch“ wäre und folglich nur skandinavische Leser interessieren dürfte. Insbesondere sein Roman Der versäumte Frühling ist eine düster-heitere Satire auf das Schulsystem und wie dieses jährlich in den Prüfungsmonaten die Schülerinnen und Schüler das Frühjahr kostet (welches sie ausschließlich mit Lernen und Prüfungsvorbereitung zubringen): Der versäumte Frühling des Romantitels. Wenngleich die schwarze Pädagogik, die der Roman schildert heute größtenteils durch pädagogisch wertvollere Konzepte ersetzt wurde, zeigt gerade die Schuljahrverknappung von 13 auf 12 Jahre in Deutschland, dass der Leistungsdruck, der auf den jungen Menschen lastet, keineswegs ab-, sondern eher zugenommen haben dürfte. Es dürfte auch heute noch so manchen Abiturienten ein Frühjahr des Lebens kosten… aber solche Parallelen wirken forciert. Das wirklich lesenswerte an Scherfigs Roman ist auch weniger seine irgendwie modern anmutende Aussage, als vielmehr der beißende Ton, mit dem diese transportiert wird. Sein anspruchsvoller und eleganter Spott und Hohn sind es, was diesen Roman so lesenswert macht.


Der versäumte Frühling beginnt mit dem in Dänemark berühmt gewordenen Satz:

For en del år siden døde en ældre mand på Østerbro efter at have spist et maltbolsje.
[Dt.: Vor einigen Jahren starb ein älterer Mann in Østerbro (Stadtteil Kopenhagens) nachdem er ein Malzbonbon gegessen hatte.]

Diesem Satz folgen zwei Zeitsprünge. Der erste um 25 Jahre in die Zukunft, als einem Abend zahlreiche junge Männer sich zum Abitur-Jubiläum versammeln, um der alten Zeiten gedenken. Der zweite Sprung zurück in die Vergangenheit ihrer Schulzeit, als eben diese jungen Männer noch Schüler an einer altehrwürdigen (nach der tatsächlichen Domschule der Kopenhagener Frauenkirche modellierten) Schule waren und von ihren strengen Lehrern gequält wurden. Besonders der Lateinlehrer Lektor Blomme erweist sich dabei als grausamer Tyrann, dessen Sympathien und Antipathien scheinbar keinem System (etwa einem Leistungssystem) gehorchen, sondern völlig willkürlich erscheinen. „Erscheinen“, weil der Roman mehrfach andeutet, dass Lektor Blommes Begeisterung für die Antike auch seine persönliche Begeisterung für Päderastie, die Knabenliebe, beinhaltet – wenngleich die homoerotischen Triebe des Lehrers, der mit einer Frau verheiratet ist, nie explizit zu Tage treten.

hans-scherfig-det-forsoemmte-foraar-coverBesagter Lektor Blomme erweist sich als der ältere Mann, der eines Tages am berühmten Kopenhagener Pier Langelinie (an welchem auch das Wahrzeichen der Stadt, die Kleine Meerjungfrau steht) an einem Malzbonbon stirbt. Das Bonbon war vergiftet! Trotz intensiver Nachforschungen gelingt es der Polizei nicht, den Mörder Blommes ausfindig zu machen und so wird der Fall ungelöst zu den Akten gelegt. Gleich im zweiten Kapitel des Romans, als die jungen Männer sich zum Jubiläumsabend versammeln, verrät der Erzähler, dass einer von ihnen der Mörder Blommes sei. Die Frage nach der Identität des Mörders (Whodunit) rückt aber nicht, wie bei einem Kriminalroman, in den Vordergrund des Geschehens. Sie wird überhaupt, so viel sei an dieser Stelle verraten, am Ende nur ganz beiläufig aufgelöst. Der Roman geht eher der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass einer der Schüler Blommes zu einem Mörder hat werden können. Die Antwort darauf ist in den individuellen Erziehungsmethoden der jeweiligen Lehrer zu suchen, aber auch im gesellschaftlichen Klima, das jede Fehlleistung, wie etwa eine schlechte Schulnote oder eine gefährdete Versetzung, als Schande wertet, auf die Sanktionen verhängt werden. Das Klima, so insinuiert Scherfigs distanzierter und scheinbar uninvolvierter Erzähler, ist ebenso vergiftet wie das Malzbonbon von Lektor Blomme.

Öffentliche Bestrafungen, gezielte Diskriminierung (die wir heute als „Mobbing“ bezeichnen würden), unmenschlicher Leistungsdruck, sinnfreie Lerninhalte: Das alles führt dazu, dass nur wenige Schüler unbescholten durch dieses System kommen – und oft nur auf Grund völlig kontingenter Eigenschaften. So ist etwa Edvard Ellerström, der später Richter werden soll, lange Zeit deshalb Lektor Blommes Liebling, weil er schön ist. Sobald sich jedoch in der Pubertät seine Schönheit verwächst, und aus dem hübschen Gesicht des Knaben, das gewöhnliche eines jungen Mannes wird, beginnt Blomme, ihn hart für diese unerwünschte Veränderung zu bestrafen. Ganz gleich, wie fleißig Ellerström arbeitet, Blomme zieht jede seiner Antworten ins Lächerliche. Einen anderen Schüler wiederum, dessen Name Thygesen an das dänische Wort für „Dickerchen“ erinnert, schikaniert Blomme auf Grund dessen Leibesumfangs. Andere Lehrer quälten Schüler auf Verdacht, dass sie etwas Böses getan haben könnten, andere auf Verdacht, dass sie etwas Böses tun könnten.

Als letztlich die Zeit der Abschlussprüfung naht, des letzten versäumten Frühjahrs also, steht es schlecht um die Erfolgsaussichten einiger Schüler. Besonders Blomme scheint geneigt zu sein, den einen oder anderen aus purer Boshaftigkeit durch das Examen fallen zu lassen. So dass schließlich einer von ihnen beschließt, den älteren Lehrer zu vergiften. Mit Erfolg. Kurz vor dem Examen wird ein neuer, gütiger Lateinlehrer eingesetzt und alle Schüler bestehen die Prüfung und können so ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen – als Arzt, als Psychologe (der Blomme im Nachhinein unterdrückte Homosexualität attestiert), als Polizist, als Sklaventreiber in den Kolonien, als Pfarrer, als Richter, als Literaturkritiker, als ewiger Student und auch: als Lehrer an derselben Schule. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der beste Schüler des Jahrgangs zum Lehrer an der alten Schule wird und sich das System somit selbst zu erhalten scheint.

film_det-forsommte-foraarDer Schluss des Romans springt erneut um 25 Jahre in die Zukunft, zur Jubiläumsfeier, die mittlerweile alkoholgetränkt ist und somit zu allerlei Indiskretionen verleitet. Jeder gesteht seine Vergehen aus der Schulzeit, und auch der Mörder von Lektor Blomme verrät sich und gesteht im Alkoholrausch seine Tat. Doch da die Abendgesellschaft durchweg betrunken ist, nimmt niemand seine Worte wahr bzw. ernst. Der Mörder geht ungestraft nach Hause. Der Roman Der versäumte Frühling ist eben kein Whodunit, sondern eine bitterböse Satire auf Leistungsprinzip und Willkür im Schulsystem. Es ist noch zu erwähnen, dass in Scherfigs Roman keiner von den Jungen am Ende den Lebensweg einschlägt, den er sich vorgenommen hat. Dies, so insinuiert der Roman, hätte eine freiere Entfaltung der Kinder erfordert, die ihnen das gegebene Schulsystem nicht bieten konnte.

Von Hans Scherfig liegen folgende Roman in deutscher Übersetzung vor:

Der Roman Das versäumte Frühjahr wurde 1993 in Dänemark verfilmt. Der folgende Ausschnitt aus dem Film zeigt auch ohne Dänisch-Kenntnisse, wie Lektor Blomme seine Unterrichtsstunden gestaltet… und dass er gerne Malzbonbons isst: Ein verhängnisvolles Hobby…

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