Günter Grass, „Was gesagt werden muss“ – Gedicht oder Prosa?

Ein Freund der Redaktion fragte gestern, nach Erscheinen des Gedichtes „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass, ob und warum das überhaupt noch ein Gedicht sei, da man den Text doch auch mühelos ohne Verse hätte abdrucken können, ohne dass dabei der Sinn verloren geht. Wir wollen in diesem kurzen Artikel aus gegebenem Anlass also weniger auf den Inhalt des Gedichtes eingehen (das wird aktuell in vielen anderen Foren und Blogs gemacht), sondern kurz ein paar Worte zu seiner Form verlieren. Warum ist ohne Günter Grass Gedicht ein Gedicht und kein Prosatext? Für den vollen Text von „Was gesagt werden muss“ verweisen wir hier auf den Erstabdruck in der Süddeutschen Zeitung.

Günter Grass: Dichter?

Bevor wir uns der Frage zuwenden, ob Günter Grass „Was gesagt werden muss“ ein Gedicht ist, schauen wir schnell auf die Frage, ob Grass ein Dichter ist.

Das etwas altertümlich anmutende Wort „Dichter“ wird schon im DWB (Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm) mit mehr als bloß einer Bedeutung aufgeführt. Im engen Sinn ist „Dichter“ die deutsche Bezeichnung für das, was die Griechen (und später die Römer) „Poet“ nannten. Das Wort Poet kommt vom griechischen Verb ποίησιν (poíesin), was übersetzt „machen“ oder „erschaffen“ heißt. Der Poet ist also jemand der etwas „erschafft“, ein „Poem“ (ein altmodisches Wort für Gedicht) ist also etwas, das von einem Poeten „gemacht“ wurde.


Schon früh wurde dieses Wort ausschließlich auf das Kunstschaffen bezogen; wer etwa einen Tisch „machte“ oder „erschuf“, war kein Dichter („Poet“), sondern ein Handwerker, ein „Techniker“ – dieses Wort kommt auch aus dem Griechischen, τέχνη (téchne). Dabei ist es wichtig, im Kopf zu behalten, dass ausgerechnet die wichtigste „Poetik“ (also eine Schrift darüber, wie gute Dichtung auszusehen hat; eine Dichteranleitung sozusagen), nämlich die Poetik des Aristoteles die Lyrik nicht berücksichtigt. Dort sind Dichter nur diejenigen, die Tragödien, Komödien oder Epen schreiben; keine Gedichte.

Man kann also sagen, dass es einen engen Sinn des Wortes „Dichter“ gibt (jemand, der Literatur erschafft; etwa der Sinn des Aristoteles), einen sehr engen Sinn (jemand, der ausschließlich Gedichte schreibt; das ist etwa der Sinn des 18. und 19. Jahrhunderts) und einen sehr weiten Sinn (jemand, der schriftlich tätig ist; die Gebrüder Grimm listen dieses Verständnis des Wortes in ihrem Wörterbuch mit dem Hinweis: „im 16ten und im 17ten jahrh. auch der verfasser einer nicht poetischen schrift.“).

Nun ist Günter Grass in erster Linie ein Prosaschriftsteller, der für sein umfangreiches Romanwerk berühmt geworden ist, v.a. für die sog. Danziger Trilogie. In den 1950er und 60er Jahren schrieb er auch eine kleine Zahl von Dramen, von denen das bekannteste das 1966 geschriebene Die Plebejer proben den Aufstand ist, das auf Shakespeares Coriolanus basiert. Auch als bildender Künstler war Grass tätig und schuf einige Skulpturen. Grass, ein durchaus vielseitiger Künstler also, veröffentlichte seit 1956 auch einige Gedichtbände. In den letzten zehn Jahren schrieb er sogar wieder vermehrt Gedichte, zuletzt den Band Dummer August (2007). Nun, am 4. April 2012, folgte das Gedicht, das für Furore sorgen sollte: „Was gesagt werden muss“.

Man kann also durchaus davon reden, dass Grass ein Dichter in jeder Hinsicht ist: In der sehr engen, da er sich intensiv mit der Gattung Lyrik beschäftigt, in der engen, da er als Literat über 60 Jahre lang tätig war und in der weiten, da er seinem literarischen Schaffen auch ein nicht-poetisches Werk hinzufügte: Plastiken, Grafiken, Skulpturen; aber auch: Politische Reden und Briefe. Der hier erbrachte, umständliche Nachweis, dass Grass ein Dichter ist, ist insofern nicht unwichtig, da es lohnt, sich in Erinnerung zu rufen, was dieses Wort überhaupt bedeutet, bevor man ihn als Dichter bzw. seine Dichtung kritisiert.

„Was gesagt werden muss“: ein Gedicht?

Wenn wir also davon ausgehen, dass Grass ein Dichter ist, bedeutet das, dass „Was gesagt werden muss“ automatisch ein Gedicht ist? Nein, natürlich nicht! Es könnte, wie eingangs erwähnt, durchaus auch ein Prosatext sein. Was macht diesen Text also zu einem Gedicht? Reime, die bis auf den heutigen Tag im allgemeinen Verständnis als das zentrale Kriterium für Lyrik gelten, sind keine vorhanden. Ein (gleichmäßiges) Versmaß ist ebenfalls nicht zu entdecken. Hat also Grass einfach nur einen Prosatext in Verse und Strophen gepackt und als Gedicht deklariert? Ja und nein. Es handelt sich bei „Was gesagt werden muss“ um eine spezielle Form des Gedichtes, das sogenannte Prosagedicht.

Das Prosagedicht ist eine Zwischenform zwischen Prosa und Gedicht. Es besitzt Charakteristika beider Gattungen. Wie die Prosa verzichtet es auf Reime und metrische Strukturierung; wie die Lyrik ist es oft in Versen und Strophen organisiert und distanziert sich (zumindest partiell) von der gewöhnlichen Alltagssprache, erkennbar vor allem an der rhetorischen Durchformung des Textes (durch Stilmittel, die aus der traditionellen Lyrikanalyse jedem bekannt sind).

Dass Grass Gedicht ein Prosagedicht ist, erkennt man recht schnell, so z.B. die typische Gedichtform (die der Lyriker Robert Gernhardt einmal „links bündig, rechts flatternd“ nannte) aber auch das Fehlen von Reimen. Beim Lesen stellt man schnell fest, dass der Text weitestgehend auch ohne Verse und strophische Unterteilungen auskommen würde. Die vierte Strophe des Gedichts z.B. ließe sich auch als Prosatext verstehen:

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er missachtet wird; das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Warum also die Versform?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Wenn man davon ausgeht, dass jeder einzelne Vers eine eigene Sinneinheit bildet (was in der Prosasprache viel weniger deutlich zutage tritt), dann erkennt man recht schnell, dass durchaus bestimmte Formprinzipien greifen. Beispielsweise wirkt die zunehmende metrische Verkürzung klimaktisch und kulminiert im Wort „Lüge“ in Vers 3 dieser Strophe: 6-hebiger Jambus (V1), 5-hebiger Jambus (V2), 4-hebiger Jambus (V3). Das Wort „Lüge“ reicht in den folgenden Vers mit hinein, da es, anders als die Verse 1-2, nicht durch ein Komma getrennt ist – also „Lüge und Zwang“. Die zentralen Begriffe der Verse 1-3 sind also „Verschweigen“, „Schweigen“ und „Lüge“, es geht durchweg um Formen der Rede bzw. Nichtrede (Schweigen). Diese Lüge scheint verbunden mit einem Nexus von „Unterordnung“ (V2), „Zwang“ und „Strafe“ (V4): Das lyrische Ich scheint also zum Lügen gezwungen; der Titel „Was gesagt werden muss“ ist offenbar eine Art Gegenentwurf zur gesagten Lüge.


Was ist der Inhalt dieser Lüge? Offensichtlich hängt es mit dem „Verdikt ‚Antisemitismus'“ (V6) zusammen, da dieser durch seinen auffälligen Spondeus (Ver-díkt Án-ti-sé-mi-tís-mus) zusätzlichen Nachdruck erhält. Das Wort „Verdikt„, das vom lateinischen „vere dictum“ kommt (dt.: wahrhaft gesprochen), steht in krassem Widerspruch zu der „Lüge“, von der zuvor die Rede war und die ein unwahrhaftes Sprechen kennzeichnet. Das lyrische Ich, das also nun wahr sprechen möchte („was gesagt werden muss“), muss sich von diesem Verdammungsurteil, diesem Verdikt befreien. Es stilisiert sich als ein mutiges Ich, als ein Ich, dass die erwartbare Strafe für seine Missachtung geltender Normen in Kauf nimmt, um der Wahrheit zum Sieg zu verhelfen.

Dass das lyrische Ich den Begriff der „Wahrheit“ nicht weiter reflektiert, erweist sich für den politischen Impetus des Gedichtes als fatal, wovon die intensiv geführte Diskussion um das Gedicht in den nationalen und internationalen Feuilletons zeugt. Ob nun ein gutes oder schlechtes Gedicht… ein Gedicht bleibt Günter Grass‘ „Was gesagt werden muss“ alle Male…

Bildnachweis: „Günter Grass“ von Sebastian Niedlich (Grabthar) via Flickr. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0.

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Eine Antwort auf Günter Grass, „Was gesagt werden muss“ – Gedicht oder Prosa?

  1. Maik sagt:

    Ich begreife nicht, wie Grass glauben konnte, dass man so einen komplexen Konflikt künstlerisch aber eben auch belehrend angehen kann. Es ist schlicht zu verworren um abstrahiert oder künstlerisch durchleuchtet werden zu können.

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