George Eliot, Silas Marner – Inhaltsangabe und Inhaltsanalyse

Silas Marner, George Eliot, InhaltsangabeSilas Marner ist der dritte Roman von George Eliot, der Autorin von Middlemarch. Der Roman wurde 1861 veröffentlicht, nachdem Eliot ihn in sehr kurzer Zeit niedergeschrieben hatte. Silas Marner spielt in einer nicht genauer zu bestimmenden Zeit im frühen 19. Jahrhundert in der mittelenglischen Provinz (vermutlich in der Grafschaft Warwickshire). Der fiktive Ort, an dem Silas Marner, die Hauptfigur des Romans lebt, heißt Raveloe und so lautet der Untertitel des Romans auch: The Weaver of Raveloe. Der Roman ist der kürzeste Roman von George Eliot, was auch ein Grund ist, weswegen er besonders häufig in der Schule gelesen wird. Daher konzentriert sich dieser Artikel (nach dem eher ausführlichen Artikel über Middlemarch) auf die klassischen Schul-, Abitur- und Klausurfragen zu Silas Marner, damit alle Englisch-LK oder GK-TeilnehmerInnen sich in Kürze den Roman erschließen können.

Silas Marner – Inhaltsangabe (Plot Summary)

George Eliot ist bekannt dafür, in ihren Romanen immer mehrere parallele Handlungsstränge zu erzählen und verflechten. Auch in Silas Marner gibt es zwei parallel sich entwickelnde Handlungsstränge, die am Ende des Romans zusammenlaufen.


Der erste Handlungsstrang erzählt die Geschichte des Webers Silas Marner, der aus einer kleinen religiösen Gemeinde verstoßen wird, weil ihm fälschlicherweise ein Diebstahl zur Last gelegt wird, den in Wahrheit Silas vermeintlich bester Freund, William Dane, begangen hat. Ob es William Dane dabei um seine eigene Bereicherung ging, oder ob er Silas anschwärzen wollte, um an dessen Verlobte Sarah heranzukommen, bleibt im Roman ungeklärt. Silas Marner zieht nach Raveloe, wo er durch seine unermüdliche Arbeit ein kleines Vermögen anhäuft, das ihm schließlich jedoch gestohlen wird. Kurze Zeit später findet er in der Silvesternacht ein Findelkind, nimmt es zu sich auf und zieht die Kleine an Kindesstatt auf.

Der andere Handlungsstrang erzählt die Geschichte von Godfrey Cass, dem Sohn des Junkers in Raveloe. Dieser hat heimlich eine Ehe mit Molly Farren geschlossen, aus der ein Kind hervorging, ebenjene Tochter, die Silas Marner später zu sich aufnehmen wird. Er erkauft sich bei seinem Bruder Dunstan, der ihn erpresst, dessen Schweigen, indem er ihm sein bestes Pferd gibt. Dunstan jedoch reitet das Pferd zu Tode und stolpert auf seinem Heimweg durch Nacht und Nebel an der Hütte von Silas Marner vorbei, findet diese unverschlossen, dringt ein und stiehlt das Gold des Webers. Von Rache getrieben zieht Godfreys Frau, Molly Farren, mit dem Kind auf dem Arm durch die eisige Silvesternacht, auf dem Weg zur Feier, auf der Godfrey ist, entschlossen, ihre Ehe publik zu machen. Die opiumsüchtige Frau, erfriert jedoch in der Kälte, das kleine Kind krabelt zur nahegelegenen Hütte von Silas Marner und wird von diesem gefunden und großgezogen. Jahre später: Godfrey hat inzwischen Nancy Lammeter geheiratet, ohne dieser jedoch seine erste Ehe gestanden zu haben – ihre Ehe ist kinderlos geblieben; Eppie, so der Name, den Silas der Kleinen gegeben hat, ist erwachsen. Schließlich wird die Leiche von Dunstan Cass in der Grube vor Silas Haus gefunden, mitsamt dem gestohlenen Gold, das dem Weber zurückgegeben wird. Godfrey gesteht seiner Frau, dass die damals tot aufgefundene Frau seine Ehefrau war und dass Eppie seine Tochter ist. Nancy und Godfrey suchen Silas und Eppie auf und gestehen den beiden Godfreys Vaterschaft. Silas sagt Eppie, dass sie selbst entscheiden solle, ob sie mit ihm weiterleben oder lieber zu ihrem Vater ziehen wolle. Eppie entschließt sich bei Silas Marner zu bleiben und heiratet schließlich Aaron, einen jungen aus dem Dorf.

Silas Marner – Inhaltsanalyse (Plot Analysis)

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Webstuhl aus dem 19.Jahrhundert

Man sieht sehr schnell an der Länge der Inhaltsangabe beider Handlungsstränge, dass sie von unterschiedlicher Komplexität sind. Während die Geschichte Silas Marners, des einfachen Mannes, der seines Geldes beraubt wird und dafür eine Tochter geschenkt bekommt, recht einfach ist, ist die Geschichte des sozial höher stehenden Godfreys eine komplexe Geschichte, in die Betrug, Intrigen, heimliche Ehen und uneheliche Kinder ebenso hineingehören, wie Diebstahl, Tod und Erpressung.

Die Geschichte von Silas Marner ist in erster Linie eine Geschichte des Verlustes. Fast sämtliche Figuren des Romans verlieren etwas. Silas verliert zu Beginn durch den Verrat eines Freundes den Anschluss an seine Gemeinde Lantern Yard, später verliert er sein über die Jahre erarbeitetes Vermögen. Godfrey verliert sein prachtvolles Pferd Wildfire, das sein Bruder Dunstan in seinem Übermut zu Tode reitet. Er verliert auch in gewissem Sinne seine Tochter. Dunstan hingegen verliert nach dem Diebstahl sein Leben. Ebenso Godfreys erste Frau, die nach der Einnahme von Opium im Schnee erfriert. Und Eppie verliert ihre Mutter.

Gleichzeitig ist Silas Marner jedoch auch eine Geschichte des (Wieder)Gewinnens. Silas gewinnt neue Freunde in Raveloe. Er verliert sein Gold, erhält aber dafür Eppie (und gewinnt am Ende sogar sein Gold wieder zurück). Auch verliert Silas zu Beginn des Romans die Liebe seiner Verlobten Sarah (durch den Verrat von William Dane), gewinnt später aber die fürsorgliche Zuneigung von Dolly Winthrop, deren Sohn Aaron am Ende Eppie heiraten wird. Godfrey verliert seinen Bruder, sein Pferd und seine Tochter, gewinnt dafür aber das Herz der liebevollen Nancy Lammeter. Eppie verliert ihre Eltern, gewinnt dafür aber die fürsorgliche Liebe von Silas Marner.

Warum ist Silas Marner kurzsichtig?

Es gibt eine ganze Reihe von besonderen Merkmalen in Silas Marner, die Aufmerksamkeit verdienen. Da an dieser Stelle nicht in voller Ausführlichkeit darauf eingegangen werden kann, greife ich einen dieser zahlreichen Aspekte heraus, dessen Kenntnis das Verständnis des Romans erleichtern dürfte: Silas Marners Kurzsichtigkeit.

Herbert Spencer

In ihrem erzählerischen Werk beschäftigte sich George Eliot immer wieder mit Fragen der Physiognomik. Heute als Pseudo-Wissenschaft erkannt, spielte sie im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle als vermeintliche Wissenschaft. Physiognomiker (wie Lavater) und deren Befürworter (wie z.B. Eliots frühere Liebesaffäre Herbert Spencer) behaupteten, dass man vom Äußeren eines Menschen, insbesondere von dessen Gesichtszügen, auf dessen Inneres schließen könne, sowohl auf den Intellekt als auf den moralischen Status. 1854 noch schrieb Spencer in einem Aufsatz mit dem Titel „Personal Beauty“: „mental and facial perfection are fundamentally connected“. Es scheint, dass George Eliot, die selbst – so berichteten viele ihrer Zeitgenossen – keine schöne Erscheinung gewesen sein dürfte, dieser These Spencers in ihrem ersten Roman Adam Bede (1859) antwortet, wenn sie darin behauptet, „that there is no direct correlation between eyelashes and morals“. Dennoch bilden ihre Figuren immer wieder physiognomische Urteile und Eliots eigener Standpunkt zur Physiognomik oszilliert zwischen Affirmation, Faszination, Subversion und Opposition.

Nun ist es sicherlich kein Zufall, dass Silas Marner im Roman kurzsichtig ist. Denn Marner gelingt es im Roman wiederholt nicht, seine Mitmenschen richtig einzuschätzen. Gleich im ersten Kapitel verkennt er William Dane. Denn die „large brown protuberant eyes in Silas Marner‘s pale face really saw nothing very distinctly that was not close to them“ – und so ist es auch auf Marners Kurzsichtigkeit zurückzuführen, dass er nicht die guten oder schlechten Absichten seiner Mitmenschen erkennt. So verdächtigt er zum Beispiel auch den von Grund auf gutmütigen Jem Rodney des Diebstahls. Auch erkennt Marner keinerlei Familienähnlichkeit zwischen Eppie und ihrem leiblichen Vater Godfrey. Kurz: Ein Großteil von Marners Unfähigkeit, in der Welt zurechtzukommen, rührt von seiner Kurzsichtigkeit und damit seiner Unfähigkeit her, andere Menschen analysieren zu können. Silas Marner ist unfähig physiognomische Urteile zu fällen.

Literatur

 

 

 

Quellennachweise

 

 

 

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