Ford Madox Ford, „The Good Soldier“ (1915)

1. Einleitung:

„Ford, born Hueffer, grandson of the painter Ford Madox Brown, published his first book in 1891 at the age of eighteen. From then on, until his death in 1939, he earned his bread solely by literary pursuits. Pound called him the greatest prose stylist of his day and excoriated the English public for ignoring him. He himself has thus far read five of Ford’s novels – The Good Soldier and the four books constituting Parade’s End – and is convinced that Pound is right. He is dazzled by the complicated, staggered chronology of Ford’s plots, by the cunning with which a note, casually struck and artlessly repeated, will stand revealed, chapters later, as a major motif.“ (J.M.Coetzee, Youth)


In seiner, in der dritten Person Singular geschriebenen, Autobiographie Youth beschreibt der südafrikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger J.M.Coetzee (mittlerweile australischer Staatsbürger), wie er aus Südafrika wegzieht, um in London zu arbeiten. Er findet dort eine Anstellung als Programmierer in der englischen Zentrale von IBM, verbringt aber einen großen Teil seiner Zeit lesend im British Museum, bevor er beschließt seinen Job bei IBM zu kündigen und sich mit einer Arbeit zu den frühen Werken von Ford Madox Ford zu beschäftigen:

Is that not what he admires the English for: their emotional restraint? Is that not why he is writing, in his spare time, a thesis on the works of Ford Madox Ford, half-German celebrator of English laconism? […] Though the early works turn out to be disappointing, he presses on, excusing Ford because he must still have been learning his craft.“ (Ibid.)

Aus diese Gründen umschiffe ich das Frühwerk Fords und gehe gleich auf seinen wohl bekanntesten Roman ein, The Good Soldier (1915; zitiert nach der Ausgabe: Ford, Ford Madox: The Good Soldier. New York: Vintage International 1989). Aus dem 1927 von Ford hinzugefügten „Dedicatory Letter to Stella Ford“ geht hervor, dass Ford seinen Roman ursprünglich The Saddest Story nennen wollte – also als im Titel gleichzeitig den ersten Satz des Romans vorwegnehmen wollte: „This is the saddest story I have ever heard.“ (Ford 5). Auf Drängen seines Verlegers, der der Ansicht war, ein Roman mit diesem Titel müsse im Kriegsjahr 1915 ein Ladenhüter bleiben, kabelte Ford „in hasty irony“ zurück: „Dear Lane, Why not The Good Soldier?“ (Ford xxiii) Unter diesem Titel wurde der Roman schließlich veröffentlicht und berühmt, auch wenn die deutsche Übersetzung sich stur gegen „Der gute Soldat“ zu weigern scheint und den Roman bis heute unter dem Titel Die allertraurigste Geschichte veröffentlicht (Ford Madox Ford, Die allertraurigste Geschichte. Frankfurt a.M.: Eichborn 2000.)

2. Der Roman:
2.1 Inhaltsangabe
Die Geschichte, die der Roman erzählt lässt sich, hat man sie einmal in eine kohärente chronologische Reihenfolge gebracht, schnell erzählen. John Dowell, Ich-Erzähler des Romans, kommt als frischer Ehemann mit seiner Frau Florence aus den Staaten nach Europa. Florence, die ihn nur geheiratet hat, damit er sie mit nach Europa nehmen könne, wo sie hofft, ihren einstigen Liebhaber Jimmy wiederzutreffen (und wovon John Dowell natürlich zu diesem Zeitpunkt nichts weiß), täuscht, kaum in der Alten Welt angekommen einen Herzfehler vor und schafft es, ihren Ehemann zu überzeugen, dass die Aufregung einer erneuten Schifffahrt sie das Leben kosten könne und dass sie deswegen in Europa bleiben müssten. Die Affäre mit Jimmy geht rasch zu Ende und dieser beginnt sogar, Florence zu erpressen. Schließlich lassen sich die beiden in Paris nieder, von wo aus sie alljährlich zum Kururlaub ins hessische Bad Nauheim fahren. Dort lernen sie im Jahre 1904 das Ehepaar Ashburnham kennen, Edward und Leonora, und es entwickelt sich zwischen den beiden Paaren im Folgenden eine enge Freundschaft. Der ahnungslose John weiß als einziger nicht, dass Edward Ashburnham, der „Good Soldier“ des Titels, eine Affäre mit seiner Frau Florence beginnt (und sogar den Erpresser Jimmy zusammenschlägt, als er erfährt, dass dieser Florence erpresst hat). Als Florence Jahre später ein intimes Gespräch zwischen ihrem Liebhaber und dessen Ziehtochter Nancy belauscht nimmt sie sich das Leben. Als John aus Amerika zurückkehrt, wo er nach Florences Tod geschäftliche Dinge zu erledigen hatte, wohnt er bei den Ashburnhams in England, wo er sich in Nancy verliebt, die wiederum in ihren Onkel Edward verliebt ist und dieser auch in sie – ohne jedoch jemals eine richtige Affäre mit ihr zu beginnen. Nancy verreist und als Edward kurze Zeit später einen Brief von ihr erhält, in dem sie schreibt, dass es ihr gut geht, nimmt auch dieser sich das Leben. Erst in der Woche nach Edwards Tod enthüllt dessen Witwe Leonora dem immer noch ahnungslosen John die Zusammenhänge der tragischen Geschichte, die dieser schließlich als „the saddest story“ bezeichnet.

2.2 Themen
Literaturzeitschrift BLASTDer Roman ist gespickt mit einer Vielzahl verschiedener Themen, wie Ford selber in seinem späteren Vorwort bemerkt. Dominante Themen, von denen ich nur auf eines näher eingehen werde, sind u.a.:
– Amerika/Europa (die Dowells als Amerikaner, die Ashburnhams als Engländer)
– Ehre (eine interessante Unterscheidung männlicher und weiblicher Ehre; die weibliche Ehre funktioniert natürlich wie immer über die sexuelle Integrität der Frau, während der Mann anderen Formen von Ehre unterliegt: Berufsehre, gesellschaftliche Ehre, militärische Ehre etc.)
– Politik und Krieg (auch wenn das Romangeschehen nur bis ins Jahr 1913 hineinreicht, lässt sich das Vorkriegs-Europa deutlich erkennen; nicht zuletzt auch dadurch, dass die Hauptfigur ein Soldat ist; Ford beendete die Arbeit im zweiten Kriegsjahr, 1915; das im Roman immer wieder auftauchende Datum 4.August ist zudem das Datum der britischen Kriegserklärung gegen das Deutsche Reich – zunächst schien diese Überschneidung ein Zufall zu sein, da der erste Teil des Romans bereits am 20. Juni 1914, also sogar noch vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, in der Zeitschrift Blast abgedruckt wurde – (siehe: Blast: Review of the Great English Vortex, Number 1))
– Bewusstsein und die Darstellung von Bewusstsein (gerade seine komplizierte, nicht-chronologische Erzählform und die Tatsache, dass Dowell ein „unreliable narrator“ ist, werfen Fragen nach der Darstellung von Bewusstsein auf – nicht so konsequent wie später bei Woolf, Joyce oder Döblin, aber dennoch stellenweise vorhanden ist die Erzählform des sog. „stream of consciousness“ – Ferner wirft das leitmotivische „I don’t know“ epistemologische Fragen auf: was weiß John Dowell zum Zeitpunkt der Geschichte, was weiß er zum Zeitpunkt des Erzählens etc.)
– Selstmord (als sozusagen existenzialistische Frage des Romans drängt sich natürlich das Problem der beiden Selbstmorde und ihrer jeweiligen Gründe auf – meines Erachtens eine spannende Frage, die auf Grund des begrenzten Blickwinkels durch den Erzähler John Dowell, unbeantwortet bleiben muss bzw. nicht restlos geklärt werden kann)

2.3 Sujet und Fabula
Die Russischen Formalisten, eine literaturtheoretische Gruppe der 1920er Jahre (vereinzelt auch schon vorher) machten eine zentrale Unterscheidung in der Narratologie: die von sujet und fabula. Unter der fabula verstehen sie die erzählte Geschichte in ihrem chronologischen und unverstellten Verlauf; während sie unter sujet die künstlerisch geformte Geschichte, i.e. die Erzählung, verstehen, die unabhängig vom chronologischen Verlauf ist und diesen beispielsweise durch Vorgriffe (Prolepsen), Rückgriffe (Analepsen), Auslassung (Ellipsen) etc. verändern kann. In The Good Soldier wird sehr deutlich inwiefern eine sehr simple Geschichte (siehe „Inhaltsangabe“) schwer nachvollziehbar erzählt werden kann, wie also das sujet die fabula bis zur Unkenntlichkeit verstellen kann (dies ist „the complicated, staggered chronology of Ford’s plots“ von der Coetzee spricht, s.o.). Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass John Dowell ein hochgradig unzuverlässiger Erzähler ist.
Und dennoch lässt sich in diesem Strudel der Erzählung (nicht der Geschichte) ein einzelner Ankerpunkt ausmachen, der selbst in der Unordnung des Textes eine gewisse Orientierung ermöglicht: das im Roman immer wieder auftauchende Datum 4. August. Wie bereits oben erwähnt ist dies zugleich das Datum der britischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Ferner ist es aber auch das Datum von Florence Geburtstag; der Tag an dem sie mit ihrem Onkel nach Europa reiste (1899), wo sie die verhängnisvolle Bekanntschaft von Jimmy machte und, ebenfalls an einem vierten August, mit ihm Geschlechtsverkehr hat (1900); ein Jahr später an genau diesem Tag heiratet sie John Dowell (aus oben genannten Gründen) (1901); drei Jahre später am 4.8.1904 nimmt sich Maisie Maiden das Leben; „and then nothing happened until“ (Ford 106) 1913, Florences Selbstmord.
Unabhängig von allen Spekulationen über die außertextliche Bedeutung dieses Datums (Kriegserklärung o.ä.) funktioniert dieser Tag als Ankerpunkt im Strom der Ereignisse und zudem als Tag an dem sich bestimmte Ereignisse zuspitzen (zwei Todesfälle, vorehelicher Beischlaf, Zweckehe etc) und die tragische Geschichte voranbringen. Ob die genannten Ereignisse sich tatsächlich stets an einem 4. August abgespielt haben, bleibt fraglich. Ebenso wahrscheinlich ist, dass John die Ereignisse nur im Nachhinein mit einem bestimmten Datum versieht, um sie zu ordnen und zu begreifen. Der letzte von ihm genannte vierte August ist gleichzeitig „the last day of my absolute ignorance and […] of my perfect happiness.“ (Ford 109)

3. Der Film:
In den frühen 80er Jahren wurde The Good Soldier auch verfilmt. In der Hauptrolle Jeremy Brett, den man vermutlich hauptsächlich als Sherlock Holmes kennt. Die Verfilmung beginnt mit einigen harten Schnitten, die mit Vorgriffen (Prolepsen) und Rückgriffen (Analepsen) sekundenschnelle Ausschnitte aus der Geschichte zeigen. Dann jedoch nimmt der Film ein recht gleichmäßiges und gesetztes Tempo auf. Die beiden Ebenen des Erzählens und des Erzählten werden klar voneinander getrennt und sind sehr einfach zu identifizieren. Damit bringt der Film mehr Ordnung in die Erzählung, als sie der Roman vorweisen kann. Streckenweise nimmt das dem Film, trotz einiger bemerkenswerter Szenen, seinen Reiz.
Ich würde generell empfehlen, den Film NACH der Lektüre des Romans zu schauen – durch seinen einfacheren Aufbau kann er u.U. nachträglich einiges klar machen, das beim Lesen noch unverständlich blieb.


4. Bibliographie und Lesehinweise:

  • Coetzee, J.M., Youth. London: Vintage 2003.
  • Ford, Ford Madox, The Good Soldier. New York: Vintage International 1989. [der Roman ist auch bei Project Gutenberg erhältlich]
  • Ford, Ford Madox, Die allertraurigste Geschichte. Übers. v. Fritz Lorch u. Helene Henze. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag 2000 (=Die Andere Bibliothek, Bd. 181).
  • Ford Madox Ford Society, http://www.rialto.com/fordmadoxford_society/.
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Eine Antwort auf Ford Madox Ford, „The Good Soldier“ (1915)

  1. Uli, Wuppertal sagt:

    Ehrlich, ich kannte diesen Roman überhaupt nicht. Auch Ford Madox Ford war mir bislang kein Begriff (und das, obwohl ich Coetzee gelesen habe! Ich dachte dabei immer, Ford sei irgendein Fantasie-Autor…).

    Ich habe den Roman mittlerweile gelesen. Ohne große Erwartungen. Aber ich war überwältigt! The Good Soldier ist vielleicht der beste Roman, den ich in den letzten paar Jahren gelesen habe. Sprache, Stil und Perspektive – alles passt so perfekt und ist von so schlichter Schönheit, dass ich nicht glauben kann, dass Ford Madox Ford im Allgemeinen und THE GOOD SOLDIER im SPeziellen nicht bekannter sind bzw. einen größeren Platz im Kanon der Weltliteratur haben.

    Danke für diese kleine Offenbarung und bitte mehr davon – dies ist ein super Blog!

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