Dickens: Harte Zeiten, Zusammenfassung

Weiter geht es in unserer kleinen Reihe von Dickens-Lektüren anlässlich des 200. Geburtstags des englischen Schriftstellers. Nach Dickens Weihnachtsgeschichte und Our Mutual Friend folgt hier eine Zusammenfassung von Hard Times (deutsche Übersetzung: Harte Zeiten) (1854). Harte Zeiten ist ein Industrie-Roman (sog. Industrial Novel), ein Genre, das auf Grund der weit fortgeschrittenen Industrialisierung vor allem in England verbreitet war. Industrie-Romane schildern die Probleme der Arbeiterklasse in den Fabriken Englands, sowie die Konflikte zwischen Arbeitern und Arbeitgebern. Viele solcher Romane sind bekannt für ihre detaillierten Schilderungen der Armut und des Elends der Arbeiterklassen, Schilderungen, wie sie außerhalb des Romans lange Zeit eher selten vorkamen (ein frühes Beispiel ist Friedrich Engels Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845)). Dickens Harte Zeiten ist in dieser Hinsicht keine Außnahme, wenngleich er sich tendentiell eher auf die Mittelschicht konzentriert, als auf das Elend der Arbeiterklasse.

Harte Zeiten – Allgemeine Informationen

Dickens Roman erschien, wie alle seine Romane zunächst in monatlichen Fortsetzungen. Die erste Ausgabe erschien im April 1854, die letzte im August 1854, so schnell schrieb Dickens weder vor- noch nachher. Harte Zeiten ist zudem auch Dickens kürzester Roman, er enthält 37 Kapitel in drei „Büchern“. Die zwanzig „instalments“ genannten Fortsetzungsteile erschienen in der Zeitschrift Household Words, deren Herausgeber Dickens selbst war. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Dickens für den Roman erstmalig auf Illustrationen verzichtete, die bei seinen anderen Romanen ein wichtiger Bestandteil waren und von Dickens streng beaufsichtigt wurden. Ferner spielt der Roman nicht, wie ansonsten alle anderen Romane, in London, sondern in der fiktiven Arbeiterstadt Coketown. Der vollständige Titel des Romans lautet Hard Times – For These Times (dt.: Harte Zeiten – für diese Zeiten). Es ist vermutlich auch der Dickens-Roman mit den gemischtesten Kritiken: Einige Kritiker und Literaturwissenschaftler finden den Roman banal und konstruiert, andere (allen voran F.R. Leavis) preisen ihn als den besten Dickens-Roman überhaupt.


Harte Zeiten – Zusammenfassung der Handlung

Die drei Bücher sind „Sowing“, „Reaping“ und „Garnering“ überschrieben, also etwa „Aussaat“, „Ernte“ und „Getreideaufbewahrung“. Darin beinhaltet ist eine Anspielung auf den Spruch aus Galater 6,7: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“

1. „Aussaat“:
Der Roman öffnet mit einer Schulszene, in der das vielzitierte (und folglich auf Dickens zurückgehende) „Fakten, Fakten, Fakten“ eine wichtige Rolle spielt (ein Ausspruch, mit dem der Focus einst Werbung machte). Mr. Gradgrind, ein Utilitarier, hat ein Schulsystem eingerichtet, das einzig auf Fakten basiert. Einbildungskraft und Fantasie werden vom Lehrplan verbannt, folglich auch die Lektüre von Dichtung und Poesie. Damit soll den Kindern der Sinn für das wirklich nützliche anerzogen werden. Die ersten zwei Kapitel zeigen, welche grotesken Ausmaße dieses faktenbasierte Wissen bereits angenommen hat, als der Lehrer eine junge Schülerin, Cecilia (Sissy) Jupe, auffordert, ein Pferd zu definieren, was ihr nicht gelingt. Ein Mitschüler löst schließlich die Aufgabe bravourös: „Quadruped. Graminivorous. Forty teeth, namely twenty-four grinders, four eye-teeth, and twelve incisive.“ (dt.: „Vierbeiner. Grasfressend. Vierzig Zähne, genauer: 24 Backenzähne, vier Eckzähne und zwölf Schneidezähne.“) – Fertig ist die Definition eines Pferdes à la Gradgrind.

Charles S. Reinhart: "Father Must Have Gone Down to the Booth, Sir"

Ganz auf einer Linie mit Gradgrinds Philosophie steht der Industrielle Josiah Bounderby. Beide, Gradgrind und Bounderby, befürchten einen schlechten Einfluss der kleinen Sissy auf Grandgrinds drei eigene Kinder. Foglich suchen sie den Zirkus auf, in dem Sissys Vater arbeitet, um ihm mitzuteilen, dass Sissy nicht weiter am Schulunterricht teilnehmen darf. Doch Sissys Vater ist auf und davon, um Sissy in ihrer Entwicklung nicht zu behindern. Gradgrind nimmt Sissy schließlich bei sich auf, um sie in seine Schule der Fakten einzuführen. Louisa, Gradgrinds Tochter, erhält einen Heiratsantrag vom 30 Jahre älteren Bounderby, den sie, völlig lethargisch, akzeptiert, die beiden heiraten. Parallel dazu erzählt Dickens Harte Zeiten die Geschichte des Fabrikarbeiters Stephen Blackpool, der, selbst ein integrer Mann, mit einer alkoholabhängigen Frau verheiratet ist. Um eine Scheidung zu bewirken, spricht Stephen bei Mr. Bounderby vor, der ihm jedoch zu verstehen gibt, dass eine Scheidung zu kostspielig für ihn sei.

2. „Ernte“:
James Harthouse, ein Parlamentsabgeordneter, erscheint in Coketown. Er ist gelangweilt vom selbstgefälligen Bounderby, jedoch tief beeindruckt von dessen junger und hübscher Frau, Louisa. Harthouse merkt, dass er über Louisas Bruder Tom an sie herankommen kann und schließt eine Freundschaft mit dem jungen Mann. Tom, ständig in Geldnöten, beschließt, Bounderbys Bank auszurauben und Stephen Blackpool die Schuld in die Schuhe zu schieben, was ihm auch gelingt. Stephen, der von Bounderby kurz zuvor auf Grund seiner Gewerkschaftstätigkeiten entlassen worden war und die Stadt verlassen hat, wird nun steckbrieflich gesucht. Harthouse gesteht Louisa seine Liebe, doch diese will davon nichts wissen. Beobachtet werden beide von Mrs. Sparsit, einer engen Vertrauten von Mr. Bounderby. Louisa fährt zum Haus ihres Vaters und wirft ihm vor, ihre Kindheit ruiniert zu haben mit seinem utilitaristischen ‚Projekt‘. Erschöpft bricht sie zu seinen Füßen zusammen und überlässt ihren geläuterten Vater seinen Gedanken und seiner Reue.

3. „Speicherung“:

Fred Walker: "Stephen Blackpool recovered from the Old Hell Shaft"

Mrs. Sparsit berichtet Mr. Bounderby von ihrer Beobachtung, dem vermeintlichen Stelldichein zwischen Harthouse und Bounderbys Ehefrau Louisa. Der erzürnte Bounderby setzt seiner Frau ein Ultimatum: Entweder sie kehrt bis zum Mittag des Folgetages zu ihm zurück, oder sie kann die Ehe als aufgelöst betrachten. Natürlich kehrt Louisa nicht zu Bounderby zurück, die beiden leben fortan in Trennung. Louisa und ihrem Vater wird allmählich klar, dass es Tom gewesen sein muss, der Bounderbys Bank ausgeraubt hat und nicht Stephen Blackpool, der immer noch gesucht wird. Schweren Herzens macht sich Louisa zusammen mit Sissy auf die Suche nach Stephen, um dessen Unschuld zu beweisen. Stephen fällt auf dem Weg zurück nach Coketown in einen alten, verlassenen Grubenschacht. Er kann zwar geborgen werden, stirbt aber kurz darauf an den Folgen des Sturzes. Die übrigen Kapitel beschäftigen sich mit dem „Whelp-Hunting“, der Welpenjagd auf Louisas Bruder Tom, der sich im Zirkus versteckt hält, schließlich aber gefasst wird und nach Amerika auswandert, wo er schließlich verarmt stirbt.

Bounderby, der sich selbst stets lauthals als Selfmade-Man dargestellt hat, der sich mit eigener Kraft aus der sozialen Prekarität seiner alkoholkranken Familie emporgearbeitet hat, wird vor den Augen der ganzen Stadt bloßgestellt, als seine Mutter in Coketown erscheint und Bounderbys Geschichten als Lügen entlarvt. Bounderbys Freunde, darunter auch die sonst so treue Mrs. Sparsit, wenden sich von dem Aufschneider ab. Sissy Jupe ist die einzige Figur des Romans, die unbeschadet den Zyklus utilitaristischer Lehre durchbrechen kann. Ihre Kinder werden kindgerecht erzogen und leben ein glückliches Leben.

Der Roman endet mit einer nachdenklich stimmenden Anrede des Lesers: „Dear reader! It rests with you and me, whether, in our two fields of action, similar things shall be or not. Let them be! We shall sit with lighter bosoms on the hearth, to see the ashes of our fires turn grey and cold.“ (dt.: „Lieber Leser! Es liegt an Dir und mir, zu entscheiden, ob es in unserem jeweiligen Umfeld, ähnliche Dinge gibt oder nicht. Lass sie geschehen! Wir werden mit leichterem Herzen am Kamin sitzen und die Asche des Feuers grau und kalt werden sehen.“

Harte Zeiten – Bibliographie

Dickens ist ein auch in Deutschland viel gelesener Autor. Bedauerlicherweise konzentriert sich auch hierzulande ein großer Teil der Aufmerksamkeit auf die großen Klassiker von Dickens: Oliver Twist, David Copperfield und Große Erwartungen. Das führt unweigerlich dazu, dass die übrigen Dickens-Romane zum Teil vergriffen sind und nicht wiederaufgelegt werden. Bei Harte Zeiten ist das leider auch der Fall. Der Roman erschien zwar in deutscher Übersetzung bei großen Verlagen wie Heyne, Fischer und Reclam, ist zur Zeit aber nicht mehr erhältlich. Wer eine deutsche Übersetzung von Dickens Hard Times haben möchte, muss daher antiquarisch suchen.


Die englische Originalversion ist in günstigen Taschenbuchausgaben erhältlich. Wie immer sind hier v.a. Penguin Classics und Oxford World’s Classics zu empfehlen, da beide Ausgaben mit Einführung und Kommentaren versehen sind, die die Lektüre erleichtern.

Verfilmungen von Harte Zeiten gibt es ebenfalls, wenngleich deutlich weniger, als etwa von Oliver Twist. Die letzte Verfilmung liegt nun auch schon rund 18 Jahre zurück, sie stammt aus dem Jahr 1994 (siehe imdb.de).

Eine Hörspielversion („dramatic reading“) in englischer Sprache gibt es kostenlos bei librivox.

Quellennachweise:
Charles S. Reinhart: „Father Must Have Gone Down to the Booth, Sir!“ Gescannt von Philip V. Allingham, via victorianweb.org.
Fred Walker: „Stephen Blackpool recovered from the Old Hell Shaft.“ Gescannt von Philip V. Allingham, via victorianweb.org.

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