Charlotte Brontë, Villette (1853) – Inhaltsangabe und Erläuterung

Kaum eine literarische Familie war derart produktiv wie die Brontë-Schwestern Emily, Anne und Charlotte Brontë. Zusammen schrieben sie sieben Romane, die zu den berühmtesten und meistgelesenen Romanen des Viktorianischen Zeitalters gehören. Dabei waren ihre Leben sehr kurz; Anne wurde gerade einmal 29 Jahre alt, Emily 30 Jahre und Charlotte 38 Jahre. Doch ihre Romane bleiben unsterblich. Allen voran Emilys Wuthering Heights (1847; dt.: Sturmhöhe), Annes Agnes Grey (1847) und Charlottes Jane Eyre (1847). Diese Romane wurden unzählige Male verfilmt, für den Rundfunk bearbeitet oder auf die Theaterbühne gebracht. Charlottes letzter Roman war Villette. Sie veröffentlichte ihn 1853, zwei Jahre vor ihrem Tod. Dem breiten Lesepublikum ist er vielleicht weniger bekannt als Jane Eyre, jedoch erfreut er sich unter Anglisten oft größerer Beliebtheit, da er auf Grund der zahlreichen Kunstdiskurse als so etwas wie ein ästhetisches Manifest Charlottes gelesen werden kann. Wir werden im folgenden eine kurze Einführung in Charlotte Brontës Villette geben, die den Roman neuen Leserinnen und Lesern nahebringen soll und uns abschließend mit der Frage beschäftigen, wie Kunst in dem Roman verhandelt wird.

Villette – Inhaltsangabe

Die Ich-Erzählerin Lucy Snowe ist zu Beginn des Romans 14 Jahre alt und lebt in den ersten 3 Kapiteln bei ihrer Patin, Mrs Bretton, zusammen mit deren Sohn John Graham Bretton und der entfernten Verwandten der Brettons, der jungen Paulina, genannt „Polly“. Die drei verleben eine schöne Zeit, bis Lucy eines Tages abreisen muss. In Kapitel 4 deutet sie an, dass ihr Leben in den folgenden 10 Jahren sehr unruhig und tragisch verlaufen sei; es lässt sich vermuten, dass sie ihre Eltern verloren hat und als mittellose Waise ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten muss (ein Motiv, dass aus Jane Eyre bereits bekannt ist). Nach einigen wenig erfolgreichen Versuchen, in England zu arbeiten, beschließt sie, auf den Kontinent zu reisen, in das Land „Labassecour“ (das Belgien darstellen soll), in die Stadt „Villette“ (vermutlich Brüssel).

Dort angekommen erhält sie (mit etwas Glück und durch ihre ‚physiognomische Referenz‘) eine Anstellung als Englischlehrerin in dem Mädcheninternat einer gewissen Madame Beck. Dort lernt sie auch einen jungen, englischen Arzt namens Dr. John kennen, der die kranken Mädchen behandelt. Die Erzählerin Lucy verschweigt dem Leser, dass sie in Dr. John ihren alten Freund aus Kindertagen, John Graham Bretton, wiedererkannt hat – sie ist eine typische unzuverlässige Erzählerin.

Ch. Brontë: Villette (dt. Übersetzung)

Als sie einige Zeit später auf offener Straße einen Ohnmachtsanfall hat, findet Dr. John sie auf der Straße und nimmt sie mit zu sich nach hause. Als Lucy erwacht, glaubt sie, wieder in Bretton zu sein, da alle Möbel daran erinnern: Sie offenbart nun dem Leser (und Dr. John selbst), dass Dr. John ihr Freund aus Jugendtagen ist und erlebt einige glückliche Tage. Doch Dr. John ist in Ginevra Fanshawe, eine verzogene Schülerin in Lucys Internat, verliebt. Als Lucy und Dr. John später auch noch Paulina („Polly“) in Villette wiedertreffen, wendet sich Dr. Johns Zuneigung schnell in Richtung Paulina, die er schließlich auch heiraten wird.

Ebenfalls lernt sie im Internet Monsieur Paul Emmanuel kennen, der ein strenger Lehrer ist. Ähnlich wie Jane Eyre ihre Stellung gegenüber Mr. Rochester behaupten muss, versucht Lucy Snowe, ihre Selbstständigkeit gegenüber M. Paul zu behaupten. Schwierigkeiten in der sich entwickelnden Zuneigung zwischen Lucy und M. Paul gibt es durch Lucys gereizte Nerven (sie wird vom ‚Geist‘ einer toten Nonne verfolgt; erst spät im Roman stellt sich heraus, dass es ein neuer Liebhaber von Ginevra Fanshawe ist, der als Nonne verkleidet nachts seine Geliebte besucht); auch M. Pauls Familie und Freunde intrigieren gegen die Beziehung, v.a. da sie Lucys Protestantismus nicht akzeptieren können.

Erst gegen Ende gelingt es M. Paul, Lucy seine Liebe zu gestehen. Er verschafft ihr eine eigene kleine Schule in Villette, muss danach aber, um Familienangelegenheiten zu erledigen, nach Guadeloupe reisen. Lucy wartet drei Jahre auf die Rückkehr ihres Verlobten. Unmittelbar vor dem glücklichen Tag zieht ein schwerer Sturm auf und der Roman lässt am Ende offen, ob M. Paul zu Lucy zurückkehrt oder ob sein Schiff im Sturm untergeht…


Kunst und Ästhetik in Villette

Villette enthält zahlreiche literarische Anspielungen. Vor allem biblische Referenzen tauchen auf fast jeder Seite des Romans auf. Ferner spielen Gedichte in dem Roman eine große Rolle. Oft gibt ein Vers aus einem Gedicht einem Kapitel des Romans den Titel; so heißt etwa das 16. Kapitel „Auld Lang Syne“ nach dem gleichnamigen Gedicht des schottischen Dichters Robert Burns, den Brontë sehr schätzte. Aber auch Schiller wird häufig zitiert, etwa „Das verschleierte Bild zu Sais“ (1795), „Des Mädchens Klage“ (1799) oder „Der Geisterseher“ (Romanfragment, 1787-89). Die Englischen Dichter, die in Villette zitiert oder erwähnt werden sind v.a. Milton, Scott und Shakespeare. Allein Shakespeares Hamlet und Midsummer Night’s Dream werden gleich dreifach in Villette zitiert, was insofern bemerkenswert ist, als Brontës Schriftsteller-Zeitgenossen tendentiell nur die Shakespeare-Tragödien, nicht aber die Komödien zitieren, die im 19. Jahrhundert als eher minderwertig galten.

Auch ohne die zahlreichen Shakespeare-Referenzen spielt das Theater eine große Rolle im Roman. Lucy Snowes erste Auseinandersetzung mit M. Paul findet statt, als eine Schülerin kurz vor Beginn einer Vaudeville-Aufführung krank wird und Lucy kurzfristig ihren Part (eine Hosenrolle) übernehmen muss.

Malerei und bildende Kunst spielen neben Theater und Literatur ebenfalls eine sehr bedeutende Rolle. Das wohl bekannteste Kapitel, das sich mit bildender Kunst beschäftigt ist das „Cleopatra“-Kapitel. Lucy besucht eine Galerie und schaut sich die verschiedenen Gemälde an. Dieses Kapitel nutzt Brontë für ausgiebige ästhetische Diskussionen, in die sie geschickt die verschiedenen Meinungen der Galerie-Besucher über verschiedene Kunstwerke einfließen lässt.

Zu guter Letzt wird auch Musik ausgiebig im Roman behandelt, v.a. in Kapitel x „The Concert“. M. Pauls Bruder ist Klavierlehrer in Villette und gibt ein Benefizkonzert mit seinen Schülerinnen und Schülern. Die relativ kurze Behandlung dieses Themas verstärkt das gängige Vorurteil, dass England im 19. Jahrhundert die wohl unmusikalischste Nation Europas gewesen sei.

„Villette Coffee House“ in Haworth: Beispiel für kommerzielle Nutzung des Brontë-Kults

Diese zahlreichen Kunst-Referenzen widersprechen zunächst einmal dem etwas romantischen Bild, das sich bis heute beharrlich hält; dass Charlotte Brontë eine in der Englischen Provinz lebende Person von geringem künstlerischen Sachverstand gewesen sei, deren eigene Kunst daher eher ‚intuitiv‘ entstanden ist (wobei Lucy Snowe in Villette ihr eigenes Kunstverständnis als instinktiv bezeichnet: „An ignorant, blind, fond instinct inclined me to art.“ (Ch. 19)) Richtig ist, dass Charlotte nicht in die weltmännische Kunstszene Londons integriert gewesen ist und ebensowenig unbegrenzten Zugang zu Bibliotheken und Kunstmuseen hatte. Gleichwohl war sie sehr belesen. Ab 1847 schickten ihre Verleger ihr regelmäßig Kisten mit Büchern, die Charlotte geflissentlich las. Die ganz großen Klassiker (Shakespeare, Milton, Wordsworth) sowie ihre ganz großen Zeitgenossen (Dickens und Thackeray) befanden sich in der privaten Bibliothek der Brontës. Charlotte dürfte also über ein durchaus umfassendes literarhistorisches Wissen verfügt haben, das allenfalls als etwas ‚unsystematisch‘ zu kritisieren sein dürfte.

Auch war ihr Bruder Branwell als Maler in Leeds tätig und ursprünglich hatte auch Charlotte Malerin werden wollen. Als sie sich entschied, stattdessen Romane zu schreiben, hatte sie sich bereits ein ganzes Leben lang mit bildender Kunst auseinandergesetzt. Auch wissen wir, dass sie auf ihren seltenen Ausflügen nach London unzählige Galerien und Museen besuchte.

Ihre musikalische Bildung dürfte in erster Linie hausgemacht gewesen sein. Ihre Schwester Emily war offensichtlich eine sehr talentierte Pianistin, so dass Charlotte v.a. mit der großen Klaviermusik ihrer Zeit vertraut gewesen sein dürfte.

Diese zahllosen Referenzen lassen sich schwer auf einen Nenner bringen und erfordern eingehendes Studium, um eine eigene „Brontë-Ästhetik“ zu extrapolieren. Freilich laufen aber schon bei oberflächlichem Lesen viele ihrer ästhetischen Äußerungen auf ein realistisches Programm hinaus, das in den frühen 1850er Jahren in Europa aufkeimte (und spätestens ab Mitte der 1850er in aller Munde war). An dieser Stelle sei daher auf einige Aufsätze hingewiesen, die sich mit diesen Themen beschäftigen und die wir zur weitergehenden Lektüre empfehlen (und die über Webseiten wie jstor.org zu beziehen sind):

    • Jane Kromm: „Visual Culture and Scopic Custom in Jane Eyre and Villette.“ Victorian Literature and Culture, 26:2, 1998, pp. 369-394.
    • Anne Hiebert Alton: „Books in the Novels of Charlotte Brontë.“ Brontë Society Transactions, 21:7, 1996, pp. 265-274.
    • Eva Badowska: „Choseville: Brontë’s Villette and the Art of Bourgeois Interiority.“ PMLA, 120:5, 2005, pp. 1509-1523.

Brontë-Tourismus: Haworth und das Brontë Parsonage Museum

Nach diesen literaturwissenschaftlichen Betrachtungen abschließend noch ein kleiner Hinweis für Literaturtouristen: Wer einmal nach England reist und sich neben den zahlreichen literaturtouristischen Sehenswürdigkeiten in London (Charles Dickens-Museum, George Eliots Grab, Thomas Carlyle-Haus uvm.) noch etwas anderes anschauen möchte, dem sei ein Ausflug nach Harworth in Yorkshire empfohlen. Dort nämlich wohnten die drei Brontë-Schwestern bis zu ihrem Tod. Das Haus ist heute ein Museum und kann besichtigt werden. Die Anreise allein ist schon ein kleines Abenteuer. Von York aus kann man mit dem Zug in weniger als 1 Std nach Keighley reisen. Dort am Bahnhof sollte man unbedingt mit der Dampflokomotive weiterreisen. Diese verkehrt zwischen Keighley und Oxenhope und Haworth liegt genau in dazwischen.

Das Grab der Brontë-Schwestern in Haworth

In Haworth am Bahnhof angekommen geht es steil bergauf. Ein Fußweg von etwa 15 Minuten, bis man das Brontë Parsonage Museum erreicht. Das Museum ist zwar sehr klein, bietet aber allerhand Sehenswertes. Viele Manuskripte sind in den Vitrinen aufgereiht, darunter auch die winzig kleinen Bücher, die die Brontë-Schwestern gemeinsam mit ihrem Bruder Branwell als Kinder anfertigten und in die sie Geschichten schrieben, die im imaginären Land Angria spielten (The Angria Tales; bislang nicht ins Deutsche übersetzt). Ebenfalls bewundern kann man viele Zeichnungen der Schwestern; gerade Charlotte wollte zunächst Malerin werden, bis sie merkte, dass ihre wirkliche Begabung im Schreiben lag. Auch kann man in die Kirche gleich neben dem Museum gehen, in der die Schwestern begraben liegen (mit Ausnahme von Anne, die in Scarborough begraben ist, was ebenfalls einen Ausflug lohnt).


Wer anschließend noch Zeit und Lust hat sollte bei gutem Wetter das sogenannte „Brontë Country“ besuchen. Die Landschaft des westlichen Yorkshire ist atemberaubend schön in seiner kargen Schroffheit. Viele Orte erinnern an die bekannten Orte aus den Romanen, wie etwa die Bauernhof-Ruine Top Withins, die möglicherweise das Modell für Wuthering Heights gewesen ist.

Bibliographie zu Villette

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