Charles Dickens: Dombey und Sohn

Wir setzen unsere kleine Artikel-Reihe zum diesjährigen Dickens-Jubiläum fort mit einem Roman, den Dickens als 34-jähriger Mann zu schreiben begann, zu einer Zeit also, als er bereits ein gefeierter und erfolgreicher Schriftsteller war, mit den Veröffentlichungen von Oliver Twist, den Pickwick Papers und A Christmas Carol bereits hinter sich. Der Roman – Dickens siebter Roman – erschien ab Oktober 1846 in monatlichen Fortsetzungen bis zum April 1848 und fällt damit in die Zeit der Novels of the Eighteen-Forties, wie Kathleen Tillotson diese Hochphase der Englischen Literatur in ihrem gleichnamigen Buch betitelte (darin enthalten natürlich auch ein eigenes Kapitel über Dombey and Son). Es enthält einige von Dickens berühmtesten Figuren, wie beispielsweise den gutherzigen Captain Cuttle, den hummeräugigen Major Joseph B. Bagstock oder den ewig grinsenden James Carker. Darüberhinaus haben einige der Sätze des Romans im Englischen den Status von Redewendungen gewonnen, wie etwa Captain Cuttles „When found, make a note of“ oder Mrs Skewtons „Cows are my passion“. Der Roman wird oft als der erste Roman der mittleren Schaffensphase von Dickens angesehen, welche auch Romane wie David Copperfield, Bleak House und Hard Times umfasst.

Dombey und Sohn: Inhaltsangabe

Wie fast alle viktorianischen Romane enthält auch Dombey und Sohn mehrere Handlungsfäden, die gegen Ende des Romans mehr und mehr zusammenlaufen. Die Haupthandlung umfasst dabei die Geschichte von Mr. Paul Dombey, dem reichen Londoner Geschäftsmann, der zu Beginn des Romans einen Sohn (ebenfalls Paul mit Namen) bekommt – den besagten Sohn aus dem Titel des Romans – Dombey und Sohn. Pauls Mutter stirbt bei der Geburt. Mr Dombey, der bereits Vater einer Tochter ist (Florence Dombey), ist zufrieden, dass mit der Geburt seines Sohnes nun die Zukunft des Handelshauses Dombey und Sohn gesichert ist; für seine Tochter Florence hat Mr Dombey nicht viel übrig.


Doch der kleine Paul Dombey erweist sich als kränkliches Kind und obwohl Mr Dombey keine Kosten und Mühen scheut, um seinem Sohn die beste Ausbildung und Pflege zukommen zu lassen, verschlechtert sich Pauls Gesundheitszustand und sein Gemüt. Der nachdenkliche kleine Junge lauscht am Meer den Wellen und wundert sich, was diese ihm mitzuteilen versuchen („I want to know what it says, the sea. What it is that it keeps on saying.“) Schließlich stirbt der kleine Paul im Alter von sechs Jahren (Kapitel 16): ein Ereignis, das, so Dickens Freund und Biograph John Forster, „eine ganze Nation trauern ließ“ („flung a nation into mourning“).

Durch Vermittlung seines „Freundes“ Major J.B. Bagstock lernt Mr Dombey die wunderschöne aber gefühlskalte Edith Granger kennen (Kapitel 21). Deren Mutter, Mrs Skewton – aber gemeinhin nur „Cleopatra“ genannt – wittert eine günstige Gelegenheit, ihre Tochter an einen reichen Mann zu verheiraten. Die Hochzeit findet schließlich statt, auch wenn sie offensichtlich nicht Ediths eigenen Wünschen entspricht. Erst als Edith im Hause Dombeys ankommt und dessen Tochter Florence kennenlernt (die seit dem Tod ihres kleinen Bruders Paul von ihrem Vater mit noch weniger Rücksicht und Liebe behandelt wird als zuvor) wärmt das Herz der gefühlskalten Edith langsam auf. Eine Entwicklung, die Mr Dombey mit einiger Eifersucht beobachtet, da Edith sich ihm gegenüber weiterhin gefühlskalt und stolz gibt. Schließlich fordert Dombey seinen Assistenten, den ewig grinsenden Mr Carker, auf, seiner Frau von ihm mitzuteilen, dass er, sollte sich ihr Verhalten nicht ändern, Florence seinen Zorn spüren lassen werde – eine grausame Drohung (Kapitel 45).

Illustration zu Kap. 47: Florence und Edith auf der Treppe*

Die Situation im Hause Dombey eskaliert eines Abends so sehr, dass Edith Dombey um die Scheidung bittet (Kapitel 47), was er jedoch ablehnt, da er um seinen Ruf besorgt ist. Sie flieht daher in Nacht und Nebel zusammen mit Mr Carker, der selbst in Edith verliebt ist, nach Dijon in Frankreich. Dombey gibt seiner Tochter die Schuld an der Flucht seiner Frau und schlägt sie zur Strafe. Daraufhin verlässt Florence das väterliche Haus, obwohl sie bislang immer, auch wenn ihr Vater grausam zu ihr war, zu ihm gehalten hat: „She saw she had no father upon earth, and ran out, orphaned, from his house.“ (Kapitel 47) Florence rennt zum Haus eines alten Freundes aus ihrer Kindheit, Walter Gay, ein junger Mann, der in den Diensten Dombeys stand und von diesem auf eine Handelsreise geschickt worden war; sein Schiff war in einen Sturm geraten und Walter gilt über die meiste Zeit des Romans als ertrunken; als Florence zu ihm flieht, kehrt er wieder nach London zurück und nach kurzer Zeit heiraten die beiden im Beisein ihrer zahlreichen guten Freunde, Walters Onkel Sol Gills, dessen bestem Freund Captain Cuttle, Florence‘ Jugendfreund und Verehrer Mr Toots und Florence‘ ehemaligem Kindermädchen Susan Nipper. Schon bald brechen sie auf nach China, da Walter inzwischen Supercargo auf einem Schiff geworden ist (Kapitel 56).

Illustration zu Kap. 55: Carker auf der Flucht vor Dombey*

In der Zwischenzeit kommt es in Dijon zu einer tragischen Szene zwischen Edith und Mr Carker. Dieser glaubt, Edith sei aus Liebe zu ihm mit nach Dijon gekommen, muss nun aber erfahren, dass sie ihn verachtet. Sie entkommt ihm in dem Augenblick als Dombey in Dijon ankommt und seine ehebrecherische Frau und den betrügerischen Carker zur Rede stellen will. Es kommt zu einer langen Verfolgungsjagd bis zurück nach England, wo Carker schließlich vor Dombeys Augen stirbt (Kapitel 55). Edith jedoch ist verschwunden und bleibt es auch.

Der Imageschaden, den das Haus Dombey durch diese Ereignisse erlitten hat, ist gewaltig. Zudem hat Carker zu seiner Zeit als Dombeys Assistent einige sehr riskante Geschäfte getätigt, die sich nun rechnen. Kurze Zeit nach der familiären Katastrophe erleidet das Haus Dombey und Sohn eine finanzielle Katastrophe und geht bankrott (Kapitel 58). Mit seinem verbleibenden Privatvermögen bezahlt Dombey seine Schuldner, sein Haus und seine Einrichtung werden zwangsversteigert; er sitzt allein in seinem Zimmer und denkt über sein bisheriges Leben nach: „As, one by one, they fell away before his mind — his baby—hope, his wife, his friend, his fortune — oh how the mist, through which he had seen her [Florence], cleared, and showed him her true self!“ (Kapitel 59) In diesem zerrütteten Zustand, dem Wahnsinn nahe, findet die nach England zurückgekehrte Florence ihren Vater. Sie beginnt, ihn zu pflegen. Es gelingt ihr und ihrem Mann Walter, sowie deren Kindern, ihn nach und nach wieder gesund zu pflegen. Dombey geht aus diesen Ereignissen als ein veränderter Mann hervor, der seine beiden Enkelkinder sehr liebt: „The white-haired gentleman [Dombey] walks with the little boy, talks with him, helps him in his play, attends upon him, watches him as if he were the object of his life . . . But no one, except Florence, knows the measure of the white-haired gentleman’s affection for the girl . . . The child says then, sometimes: ‚Dear grandpapa, why do you cry when you kiss me?‘ He only answers, ‚Little Florence! little Florence!‘ and smooths away the curls that shade her earnest eyes.“

Zentrale Aspekte von Dombey and Son

Der Roman enthält eine Vielzahl interessanter Aspekte, die ihn auch heute noch sehr modern erscheinen lassen. Darunter sind die zahlreichen Diskurse rund um das Hochkapitel des industriellen Englands und um die „rotten banks“ (Kap. 58), sowie die kindlich-naive Frage des kleinen Pauls: „What is money?“ (Kap. 8), von der auch der Geschäftsmann Dombey am Ende des Romans einsehen muss, dass er keine Antwort darauf weiß (Kap. 61).

Captain Cuttle (aus: "Character Sketches from Charles Dickens, Pourtrayed by Kyd") (public domain)

Eine ebenfalls sehr moderne Frage, die der Roman diskutiert, ist die nach der sich ständig beschleunigenden Veränderung der Städte, etwa durch den Bau neuer Infrastrukturen, wie der Eisenbahn (Kap. 6) oder der zunehmenden Gentrifizierung (Kap. 15).

Eine zentrale Frage des Romans ist die nach angemessener Erziehung. Zahlreiche Figuren des Romans stehen hierbei für bestimmte pädagogische Standpunkte, etwa die einer moralisch-fürsorglichen Erziehung (Mr und Mrs Toodles); die einer utilitaristischen Erziehung – ein Thema, das Dickens in Hard Times wieder aufgreift und das in Dombey und Sohn durch Mr Dombey selbst repräsentiert wird; die einer drakonisch-strengen Erziehung (Mrs Pipchin); die einer laissez-faire-Erziehung (in Ansätzen durch Sol Gills in Bezug auf Walter).

Letztlich steht auch die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Frau im Mittelpunkt des Romans. Für Mr Dombey ist seine Tochter ein Unglück, da sie unmöglich die Geschicke von Dombey und Sohn fortführen kann. Edith Granger wird gegen ihren Willen zwangsverheiratet und soll sich dem ehelichen Willen ihres Mannes ganz unterordnen. Für alte Jungfern wie Miss Tox hingegen scheint es überhaupt keinen Platz in der Gesellschaft zu geben. Fragen, die den Roman bis heute lesenswert machen…

Quellennachweis:
Bild: „Florence and Edith on the staircase“ von Phiz (Halbot K. Browne), 1848. Image scan by Philip V. Allingham.
Bild: „Or rising to see where the moon shone faintly…“ von einem anonymen Illustrator, 1912 (?). Image scan by Philip V. Allingham.


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