Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studieren: Wo?

Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, oft einfach auch nur kurz AVL genannt oder Komparatistik, widmet sich dem Thema der Literaturen, im Plural also. Da versteht es sich, dass unser Blog literaturen.net, der sich dem komparatistischen Zugriff auf Literatur verbunden fühlt, auch ein paar Worte über die institutionalisierte Komparatistik verlieren muss. Wir werden versuchen, im folgenden die drei einfachen Fragen zu beantworten: Was ist Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft? Was unterscheidet Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft von anderen literaturwissenschaftlichen Fächern, wie z.B. der Germanistik oder der Anglistik? Und zu guter Letzt: Wo kann man Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studieren? Wir versuchen, so einfach wie möglich diese Fragen zu klären und damit evtl. dem ein oder anderen Leser eine Studienentscheidung zu erleichtern.

Was ist Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft?

Zunächst einmal sollen an dieser Stelle einige terminologische Verwirrungen geklärt werden. Die Frage nach dem Unterschied zwischen Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft und Komparatistik wird häufig gestellt und ist nur bedingt zu beantworten. Das Peter Szondi-Insitut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin z.B. hat das „Komparatistik“ aus der Institutsbezeichnung komplett gestrichen. Andere Institute oder Seminare haben sich hingegen von der „Allgemeinen Literaturwissenschaft“ in Titel und Programm weitestgehend verabschiedet, wie z.B. das entsprechende Insitut der Universität Augsburg, das einen B.A.-Studiengang „Vergleichende Literaturwissenschaft“ anbietet, also reine Komparatistik sein will. Während es also auf den ersten Blick scheint, als ob scharf zwischen den genannten Begriffen unterschieden wird, muss man tatsächlich konstatieren, dass vielerorts beide Begriffe synonym verwendet werden. Im akademischen Betrieb weisen sich zahlreiche Institute daher als „Institute für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik)“ aus, wie z.B. das gleichnamige Institut an der Ludwig-Maximilians-Universität München oder an der Universität Saarbrücken. An der Ruhr-Universität Bochum wird erläutert, dass Allgemeine Literaturwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaft lediglich zwei Seiten einer modernen Komparatistik seien.

Der Begriff „Komparatistik“ leitet sich von dem lateinischen Wort „comparare“ ab, was schlicht „vergleichen“ bedeutet. Ein Vergleich (Komparation) ist immer ein Vergleichen von zwei verschiedenen Objekten. In der Literaturwissenschaft sind solche Objekte meistens (wenn auch nicht ausschließlich) literarische Artefakte, also Romane, Gedichte, Dramen etc. Im Akt des Vergleichens werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen Objekten deutlich. Es lässt sich also z.B. ein inhalticher oder formaler Bezug zwischen einer Shakespeare-Tragödie und einem modernistischen Roman aus dem frühen 20. Jahrhundert herstellen. Dabei muss nicht ausschließlich ein Einfluss des früheren Werkes auf das spätere Werk angenommen werden; auch in umgekehrter Richtung lässt sich feststellen, dass die Shakespeare-Referenz in einem modernistischen Roman von, sagen wir, Alfred Döblin oftmals sehr wirkmächtig ist und die Rezeption des früheren Shakespeare-Textes nachhaltig für künftige Leser verändert.

Hieran lassen sich bereits verschiedene Aspekte der AVL erkennen. Zum einen können Texte aus verschiedenen Zeiten verglichen werden (Epochenvergleich). Ferner lassen sich auch Texte aus verschiedenen Kulturen vergleichen (in unserem Beispiel: Shakespeare in England; Döblin in Deutschland); das berührt einen weiteren zentralen Punkt der komparatistisch agierenden Literaturwissenschaft: die Übersetzungswissenschaft (wobei man nicht glauben sollte, dass die AVL das ideale Studium für den Beruf des Übersetzers sei). Nehmen wir an, dass in unserem Beispiel Döblin Shakespeare ausschließlich im Zusammenhang mit großstädtischer Lebenskultur zitiert, ließe sich prüfen welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Autoren und/oder Epochen im Hinblick auf die Konzeption der „Stadt“ bestehen (Toposforschung; Stoff- und Motivgeschichte). Auch ließe sich untersuchen, wer zur Zeit Shakespeares und Döblins die jeweiligen literarischen Texte überhaupt gelesen hat bzw. an welches Publikum sich diese Texte überhaupt richteten (Rezeptionsgeschichte). Auch Fragen nach den Gattungen ließen sich an unserem kleinen Beispiel untersuchen, schließlich wird hier ein Drama mit einem Roman verglichen (Gattungstheorie). Damit die Wissenschaftlichkeit der Literaturwissenschaft gewährleistet ist, braucht sie – wie jede andere Wissenschaft auch – Methoden, also nachvollziehbare Wege bei der Untersuchung eines Gegenstandes zu Ergebnissen zu gelangen. Das Studium literaturwissenschaftlicher Methoden bildet einen weiteren großen Teil der AVL (Methodenlehre). Der Vergleich muss nicht, wie in unserem Beispiel, zwingend zwischen zwei literarischen Texten erfolgen. Z.B. könnte man auch untersuchen, welche Beziehungen zwischen Döblins Roman und einer Shakespeare-Verfilmung (die es in den 1920er und 30er Jahren bereits in großer Zahl gab) bestehen, also einen Film-Literatur-Vergleich durchführen. Mit diesen Fragen beschäftigt sich die (literaturzentrierte) Intermedialitätsforschung.

Was unterscheidet Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft von anderen literaturwissenschaftlichen Fächern?

An der bereits umfassenden, jedoch keinesweg vollständigen obigen Liste, die aufzeigt, womit sich die AVL beschäftigt, lässt sich bereits erkennen, was sie von nationalphilologischen Disziplinen wie beispielsweise der Germanistik unterscheidet. Das bedeutet natürlich nicht, dass in der Germanistik nicht auch komparatistisch gearbeitet würde; z.B. wäre ein Vergleich zwischen Thomas Mann und Alfred Döblin in der germanistischen Forschung durchaus nicht ungewöhnlich. Der Einfluss antiker fernöstlicher Philosophie auf das Werk Georg Trakls hingegen wäre vermutlich ein genuin komparatistisches Projekt, das man in der Germanistik seltener finden würde.

In der Praxis sieht das häufig so aus, dass Komparatisten recht früh im Studium ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass z.B. der Europäische Realismus nicht in Deutschland entstanden ist und man daher ohne das Studium des französischen Realismus den sog. „Bürgerlichen“ oder „Poetischen Realismus“ in Deutschland nur bedingt verstehen kann. Veranstaltungen in der Germanistik, die sich mit derartigen Themen auseinandersetzen, tragen z.B. Titel wie „Literatur des Bürgerlichen Realismus„, während Veranstaltungen in der AVL bzw. komparatistisch geprägte Veranstaltungen oft Titel tragen, die auf ein breiteres Programm hinweisen, z.B. „Europäischer Realismus„.

Da häufig Literaturen zweier Kulturen verglichen werden, empfiehlt sich das Studium vor allem für diejenigen, die bereits eine oder zwei Fremdsprachen auf hohem Niveau beherrschen und bereit sind, sich ggf. weitere Fremdsprachen neben dem Studium anzueignen. Wer hingegen bei der Lektüre bereits einfacher fremdsprachiger Texte große Schwierigkeiten hat, sollte möglicherweise von einem AVL-Studium absehen (wobei solche Verallgemeinerungen sicherlich eine zumindest fragwürdige Basis für eine vernünftige Studienwahl sind).

Wo kann man Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studieren?

Die tendenziell internationale Ausrichtung der AVL bringt es mit sich, dass sich AVL sowohl im In- als auch im Ausland an zahlreichen Instituten studieren lässt. Manche Universitäten haben eigene Insitute für AVL; an anderen Universitäten ist die AVL oftmals nur einem bestimmten nationalphilologischen Bereich untergeordnet, so dass dann etwa die Germanistik einer Universität einen einzelnen Lehrstuhl für Komparatistik besitzt.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (DGAVL) hat auf ihrer Webseite eine sehr große und umfassende Liste von Instituten zusammengestellt, an denen sich AVL studieren lässt. Diese Liste ist die umfangreichste ihrer Art im Internet, wenngleich sie offensichtlich nur in sehr unregelmäßigen Abständen aktualisiert wird. Für eine erste Orientierung ist sie jedoch sicherlich noch die beste Anlaufadresse. Zu finden ist die Liste unter www.dgavl.de/DGAVL_Institute.htm.

Die Möglichkeiten eines Komparatistik-Studiums im Ausland sind so umfangreich, dass es bislang keine brauchbare Liste gibt, die alle Institute umfasst. Wer jedoch eine Internet-Suchmaschine nach Schlagworten wie „Comparative Literature“, „Littérature comparée“, „Letteratura comparata“, „Karşılaştırmalı edebiyat“, „Komparatystyka“ und ähnlichen durchforstet, wird relativ zügig für sein Wunschland eine Reihe von AVL-Instituten finden können.

(Bildnachweis: Comparative Literature, dilbert 20060201, by kiltbear camblog (AJ Alfieri-Crispin), via flickr.com. Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0) – LINK

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